
Das Evangelium beginnt mit einer Nachricht, die alles verdunkelt: Johannes der Täufer ist tot. Herodes hat ihn enthaupten lassen. Als Jesus davon hört, fährt er mit dem Boot an einen einsamen Ort, um allein zu sein.
Dieser erste Satz wird leicht überlesen, weil bald darauf von fünftausend Menschen, von Brot und Fischen und von zwölf gefüllten Körben die Rede ist.
Doch die ganze Szene steht im Schatten dieses Todes. Jesus sucht die Einsamkeit, um zu trauern, um zu beten, und vielleicht auch, weil ihm im Schicksal des Johannes der eigene Weg vor Augen tritt.
Das griechische „erēmos topos“, bezeichnet eine unbewohnte Gegend fern der Dörfer und Vorräte. Ein Ort, der nach menschlicher Erfahrung wenig bereithält und doch zum Ort unerwarteter Fülle wird.
Doch die ersehnte Einsamkeit bleibt aus. Die Menschen folgen ihm. Als er aus dem Boot steigt, stehen sie bereits vor ihm – mit ihren Krankheiten, ihrer Unruhe, ihren Hoffnungen und ihrem Hunger.
Ein Mitleid, das sich nicht verschließt
Matthäus schreibt: „Er hatte Mitleid mit ihnen.“ Es ergreift ihn im Innersten. Jesu eigene Erschütterung verschließt ihn nicht – sie macht ihn durchlässig für die sich elend Fühlenden.
Er heilt die Kranken, obwohl er selbst mit einer Todesnachricht gekommen ist. Darin liegt vielleicht schon das erste Wunder.
Diese Menschen sind heimatlos – auch politisch. Sie leben unter der Willkür eines Herodes, der eben erst gezeigt hat, wie wenig ein Menschenleben in seiner Hand wiegt. Zugleich betreten sie einen Raum, der in der Schrift für Selbstbesinnung und Gottesbegegnung steht: die Wüste, Ort der Reduktion und des Neubeginns.
Was im Exodus von Gott gesagt wird -„Ich habe das Elend meines Volkes gesehen“– wird hier sichtbar. Gottes Zuwendung Gottes bekommt ein menschliches Gesicht.
Der Abend und die Zahl des Mangels
Es wird Abend. Die Jünger sehen nüchtern: abgelegener Ort, fortgeschrittene Stunde, hungrige Menschen. Ihre Lösung ist vernünftig. Die Menge soll gehen und sich selbst versorgen.
Jesus antwortet: „Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen!“
Damit verschiebt sich der Blick. Die Jünger sehen den Mangel. Jesus sieht, was da ist.
Fünf Brote. Zwei Fische.
Nicht mehr. Und doch genug, um es ihm hinzuhalten. Solche Momente sind vertraut: Ein Mensch braucht Trost, und die Worte fehlen. Eine Not ist größer als das, was wir geben können. Zeit, Kraft, Geduld – alles scheint zu wenig. Erst recht der karge Rest der „vorgerückten Stunde“, am Abend des Lebens… . Die Liste kann lang sein.
Jesus fordert von den Jüngern keine Überforderung.
Er sagt: „Bringt sie mir her!“
Das ist eine Entlastung. Auch das Wenige, Unfertige, ja das „fast nichts“, dürfen wir ihm geben. In seinen Händen kann es mehr werden.
Nehmen, danken, brechen, geben
Jesus nimmt die Brote, blickt zum Himmel, spricht den Lobpreis, bricht das Brot und gibt es. Diese Bewegung weist voraus auf das Abendmahl und auf jede Feier der Eucharistie: nehmen, danken, brechen, geben.
Im gebrochenen Brot zeigt sich schon die Hingabe seines Lebens.
Er verteilt nicht selbst. Er gibt den Jüngern, und sie geben weiter.
Gerade die, die zuvor den Mangel sahen, werden zu Trägern der Fülle. Ihre Aufgabe ist nicht, ein Wunder zustande zu bringen. Sie sollen das Empfangene weitergeben.
So geschieht christliches Handeln: Was uns anvertraut ist, darf durch unsere Hände gehen: Zeit, Aufmerksamkeit, Trost, ein offenes Ohr.
Satt werden
Am Ende heißt es: „Alle aßen und wurden satt.“
Mehr als körperliche Sättigung geschieht hier. Die Menschen erfahren: Sie sind nicht vergessen. Sie werden nicht fortgeschickt.
Vielleicht ist der tiefste Hunger, bleiben zu dürfen – mit der eigenen Bedürftigkeit, ohne zur Last zu werden.
Zwölf Körbe
Zwölf Körbe bleiben übrig. Ein Bild für die Fülle Gottes, die allen gilt.
Erst im Teilen zeigt sich ihre Weite.
Was gering erscheint, wird unter seinem Segen mehr als genug.
Das Evangelium verklärt den Mangel nicht. Hunger bleibt real. Brot muss geteilt werden.
Und doch behält der Mangel nicht das letzte Wort.
Manchmal stehen am Ende Körbe da, mit denen niemand gerechnet hat.
Zur grenzenlosen Gabe macht Gott die dargebrachte Begrenztheit.
Fürbitten
Guter Gott, du siehst die Menschen, die uns begegnen, mit ihrem Hunger und ihrer Hoffnung, und so bitten wir dich:
Für alle, die Verantwortung tragen – in Kirche, Politik und Gesellschaft –, dass ihnen ein Blick geschenkt wird, der zuerst wahrnimmt, was an Möglichkeiten und Kräften vorhanden ist, bevor er sich im Mangel verliert.
Wir bitten dich, erhöre uns.
Für die Kirche unter Papst Leo, dass sie das Wenige, das ihr anvertraut ist, mit offenen Händen weiterreicht, statt es aus Sorge vor der eigenen Unzulänglichkeit zurückzuhalten.
Wir bitten dich, erhöre uns.
Für alle, die sich um andere kümmern – in Pflege, Erziehung, Seelsorge und Nachbarschaft –, dass sie erfahren dürfen, wie das eigene Bemühen unter deinem Segen über sich selbst hinauswächst.
Wir bitten dich, erhöre uns.
Für Menschen, die sich heimatlos fühlen, weil Krieg, Flucht oder gesellschaftliche Gleichgültigkeit sie an den Rand gedrängt haben, dass sie einen Ort finden, an dem sie bleiben dürfen, ohne sich rechtfertigen zu müssen.
Wir bitten dich, erhöre uns.
Für unsere Gemeinde, dass wir untereinander die Bereitschaft wachhalten, das Eigene zu teilen, auch wenn es unfertig und gering erscheint, und darauf vertrauen, dass es in deinen Händen zu mehr werden kann.
Wir bitten dich, erhöre uns.
Für alle, die heute Abend mit ihrem eigenen Hunger hierhergekommen sind – nach Trost, nach Orientierung, nach einem Wort, das trägt –, dass sie in dieser Feier etwas von jener Sättigung erfahren, die tiefer reicht als das Sichtbare.
Wir bitten dich, erhöre uns.
Gütiger Gott, du machst aus der dargebrachten Begrenztheit eine Gabe ohne Ende. Dafür danken wir dir durch Christus, unseren Herrn. Amen.

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