
Zwischen der Speisung der Fünftausend und der nächtlichen Szene auf dem See liegt ein unscheinbarer Übergang: Jesus drängt die Jünger, ins Boot zu steigen, schickt die Menge weg und steigt allein auf den Berg.
Nach der Fülle des Tages sucht er die Einsamkeit des Gebets. Diese Stille grundiert alles, was folgt: Der, der den Jüngern in der Nacht entgegenkommt, kommt aus dem Gebet.
Auch das Drängen Jesu verdient Aufmerksamkeit. Die Jünger geraten nicht deshalb in den Gegenwind, weil sie sich verirrt hätten. Der Weg, auf den Jesus sie schickt, führt mitten hinein in die Nacht.
Das Boot ist inzwischen weit vom Land entfernt. Gegenwind, Dunkelheit, kein fester Boden: Wer eine Krise durchlebt, kennt diese eigentümliche Lage zwischen den Ufern. Das Vertraute liegt zurück, das andere Ufer ist noch nicht erreicht, und die eigenen Kräfte scheinen im Widerstand zu versickern.
Wenn Hilfe wie Gefahr aussieht
Die vierte Nachtwache bezeichnet die Stunden kurz vor dem Morgengrauen. Die Nacht ist weit fortgeschritten, die Kräfte sind verbraucht, und noch ist kein Morgen zu sehen.
Als Jesus über das Wasser kommt, erschrecken die Jünger. Sie halten ihn für ein Gespenst. Darin liegt eine genaue Beobachtung menschlicher Angst: Wo Erschöpfung und Bedrohung lange genug zusammenwirken, kann selbst das, was Rettung bringt, zunächst erschrecken. Die Angst gibt dem Unbekannten das Gesicht einer weiteren Gefahr.
Dann kommt eine Stimme aus der Dunkelheit: „Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht.“
Im griechischen egō eimi – „Ich bin es“ – kann zugleich jener biblische Klang von Gottes Selbstoffenbarung mitschwingen. Mitten in der chaotischen Wasserwelt gibt Jesus sich zu erkennen: Ich bin da.
Der Schritt aus dem Boot
Die Episode um Petrus gehört zu den dichtesten Szenen des Evangeliums. Sie beschreibt einen Menschen, der für einen Augenblick wagt, den sicheren Rand hinter sich zu lassen.
Petrus steigt aus dem Boot. Dann nimmt er die Gewalt des Windes wahr. Was eben noch Vertrauen trug, wird von der Bedrohung überlagert. Die Angst gewinnt Raum, und er beginnt zu sinken.
Darin liegt kein Anlass, Petrus herabzusetzen. Es zeigt die Zerbrechlichkeit menschlichen Vertrauens gerade dort, wo es ernst wird.
Jesu Wort vom „Kleinglauben“ fällt bemerkenswerterweise erst, nachdem seine Hand Petrus bereits ergriffen hat.
Zuerst die Hand, dann die Frage
Diese Reihenfolge ist vielleicht das Kostbarste der ganzen Szene.
In psychotherapeutischer Sprache erinnert sie an Winnicotts Begriff des Holding: an die Erfahrung, in einem Augenblick, in dem die eigenen Kräfte nicht mehr tragen, von einem verlässlichen Gegenüber gehalten zu sein.
Petrus muss sein Sinken nicht erst erklären. Die Hand ist schon da. Erst danach kommt die Frage.
Und auch sein kurzer Ruf verdient Beachtung: „Herr, rette mich!“ Kein ausgeführtes Gebet, keine fromme Rede. Zwei Worte aus der Tiefe. Sie genügen.
Erst als beide im Boot sind, legt sich der Wind. Das Bekenntnis der Jünger – „Wahrhaftig, Gottes Sohn bist du“ – wächst aus einer durchlittenen Nacht. Sie haben Angst gekannt, Verwechslung, Wagnis und Sinken – und eine Hand, die schneller war als das Urteil.
Vielleicht entsteht Gotteserkenntnis gerade so: unterwegs, zwischen den Ufern. Dort, wo vertrauter Boden fehlt, der Gegenwind nicht nachlässt und ein Mensch dennoch die Erfahrung macht:
Mitten in dieser Nacht kommt mir einer entgegen.

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