
Mariä Himmelfahrt gehört zu den Festen, bei denen sich die Frage aufdrängt: Was feiern wir da eigentlich?
Die alten Bilder erzählen von einem leeren Grab, aus dem Blumen wachsen, und von Engeln, die Maria in den Himmel tragen.
Solche Darstellungen sind poetisch und schön, wirken heute aber oft fremd. Denn es geht nicht darum, sich einen sichtbaren „Flug“ in den Himmel vorzustellen.
Das Fest sagt etwas viel Konkreteres: Ein Mensch ist ganz bei Gott angekommen – nicht halb, nicht nur mit der Seele, sondern mit seinem ganzen Leben.
Maria ist mit allem, was zu ihr gehört, bei Gott aufgehoben: mit dem Leib, in dem ein Kind heranwuchs, mit den Händen, die dieses Kind trugen, mit den Füßen, die Wege gingen, deren Ausgang sie nicht kannte, mit ihrer Freude und ihrer Angst, mit Nazaret und Ägypten, mit Hochzeit und Kreuz. Nichts davon wird bei Gott abgestreift.
Darum ist Mariä Himmelfahrt ein erstaunlich leibliches Fest. Es widerspricht der alten Versuchung, den Körper nur als Hülle der Seele zu sehen.
Unser Leib ist der Ort, an dem wir geliebt und gelitten haben, geschwiegen und gesprochen, gehalten und losgelassen.
Unsere Geschichte schreibt sich in Gesicht, Gestalt und Händen ein.
Wenn die Kirche sagt, Maria sei „mit Leib und Seele in die Herrlichkeit des Himmels aufgenommen“, dann ist das auch ein Satz über uns: Es soll nichts verloren gehen, was in Liebe gelebt wurde.
So wird Maria zum Bild einer Hoffnung, die tief in das Menschliche hinabreicht.
Denn kein Leben geht „rund“ auf. Es bleiben offene Geschichten: Worte, die wir nicht mehr sagen konnten, Entscheidungen mit langen Folgen, Versäumtes und Gelungenes, erwiderte Liebe und Liebe ohne Antwort.
Mariä Himmelfahrt sagt: Am Ende steht nicht das Nichts und auch kein Gott, der nur Bilanz zieht, sondern einer, der unser Leben kennt, sammelt, heilt und vollendet.
Der Weg Mariens macht das anschaulich. Ihr großes Wort „Mir geschehe, wie du es gesagt hast“ war kein leichtfertiges Ja. Sie hatte keinen fertigen Lebensplan, verstand vieles nicht, und ging doch den Weg weiter.
Glauben heißt für sie: Gott Raum geben, auch ohne alle Antworten zu haben – ein Kind annehmen, ohne die Zukunft zu kennen, Abschied aushalten, Verlust ertragen, unter dem Kreuz stehen und nicht weglaufen.
Dieses Vertrauen führt nicht in die Auflösung des Menschen, sondern in seine Vollendung.
Die Auferstehung Jesu deutet in die gleiche Richtung. Die Jünger begegnen keinem Geist, der sein frühes Leben abgestreift hätte, sondern demselben Menschen mit Wunden und Geschichte.
Gott macht das Vergangene nicht ungeschehen, er verwandelt es.
Maria teilt dieses Schicksal: Ihre irdische Geschichte wird nicht ausgelöscht, sondern aufgenommen und vollendet.
Die alten Legenden von Rosen im Grab Mariens beweisen historisch nichts, aber sie erzählen etwas Kostbares: Wo wir nur Ende sehen, kann Gott noch einmal etwas zum Blühen bringen.
Wo wir „Grab“ sagen, sagt er: Hier endet deine Geschichte noch nicht.
Darum ist Mariä Himmelfahrt ein Sommerfest der Hoffnung.
Mitten im August, wenn Kräuter und Blumen duften und zur Segnung in die Kirche gebracht werden, erinnert es daran, dass Gottes Heil mehr meint als unsere Gedanken und unsere Seele.
Die ganze Schöpfung ist hineingenommen: unser Leib, unsere Erde, unsere Geschichte, unser vergängliches Leben.
An Maria Himmelfahrt feiert die Kirche, was sie für jeden Menschen erhofft: dass am Ende nichts verloren sein muss, was in Liebe gelebt wurde; dass Gott den Menschen nicht halb will; und dass wir nicht spurlos verschwinden, sondern heimkehren – mit allem, was wir geworden sind.

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