Gedanken zum Fest Mariä Geburt (8.Sept) und zur Sehnsucht nach neuem Beten

Wer zu beten beginnt, wendet sich meist sogleich der Bitte zu, dem Dank oder der Klage. Wir bringen die verengten Räume unseres Tages mit: den gepressten Takt der Aufgaben, die müden Gewohnheiten, die vorschnellen Begriffe.
So droht das Gebet rasch zu einem Selbstgespräch vor vertrauter Kulisse zu verkommen – und das Ansprechbare schrumpft auf das Maß unseres eigenen Verstandes.
Am Fest Mariä Geburt hat Papst Leo XIV. an einen überraschenden Gedanken des heiligen Thomas von Villanova erinnert.
Dieser fragt, warum die Evangelisten so ausführlich über die Apostel und Propheten berichten, aber zu Mariens Kindheit und Leben beinahe schweigen.
Seine Antwort ist eine Einladung: Was der Heilige Geist nicht niedergeschrieben hat, wartet darauf, von uns innerlich gemalt zu werden.
Thomas ermutigt dazu, die Vorstellungskraft maßlos zu weiten und das Bild Mariens als eines reinen, ganz Gott zugewandten Menschen tief in der Seele wachsen zu lassen.
Diese Einladung betrifft nicht nur Maria; sie berührt den Schwellenraum jedes Gebets.
Papst Leo betont, dass es dabei keineswegs um flüchtige Fantasie geht, sondern um Prophetie: Das Vorstellen erfindet sich kein Gegenüber, sondern schärft das innere Auge für eine Wirklichkeit, die längst da ist.
Aus Sicht einer ganzheitlichen Seelsorge und Psychotherapie sind innere Bilder kein „Ersatz“ für die Wirklichkeit, sondern eine Brücke zu tieferen Schichten unserer Seele, die das rein rationale Denken oft nicht erreicht.
Genau hier liegt die einfachste und zugleich schwerste Einübung des Betens: Bevor das erste Wort fällt, einen Augenblick innezuhalten und sich im Stillen bewusst zu machen, mit wem ich da eigentlich kommunizieren und in eine innige Berührung kommen will.
Ich wende mich an das unbegreifliche Geheimnis, aus dem Milliarden von Galaxien hervorgegangen sind, Raum und Zeit, Materie und Leben – und wage es, zu dieser unfassbaren Übermacht ganz schlicht „Du“ zu sagen.
In diesem Staunen berühren sich unendliche Distanz und intimste Nähe. Es entsteht jener heilsame Schwindel, der ein verlässliches Zeichen dafür ist, dass wir nicht mehr bei einer bloßen Idee, sondern beim lebendigen Gott angekommen sind.
Maria verkörpert am Tag ihrer Geburt dieses Geheimnis auf lautlose Weise: Ein unscheinbares Kind tritt ins Dasein, das noch kein Wort gesprochen hat und doch zur ganz reinen Empfänglichkeit für das Entgegenkommen Gottes wird.
Wer sich vor dem ersten Wort Zeit für dieses staunende Atemschöpfen nimmt, muss Gott nicht mehr überzeugen oder viele Worte machen.
Das eigene Ego rückt zurecht, die Sorgen verlieren ihre Allmacht, und das Gebet wird von einer bloßen Gewohnheit wieder zu dem, was es im Kern ist:
Das Erwachen im Blick eines Geheimnisses, das mich längst ansieht und liebt, bevor ich zu sprechen beginne.

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