Gott lieben- wie geht das?

Mt 22,34-40 Tagesevangelium vom 21.8.26

Mitten im Gewöhnlichen. Ackerwinde – vor der Haustür entdeckt

Manche Sätze verlieren durch ihre Vertrautheit an Gewicht. Sie werden oft gehört und zitiert, bis ihre Kanten sich glätten und kaum noch spürbar ist, welche Frage in ihnen liegt.

Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken.

Der Satz klingt vielen selbstverständlich, und doch enthält er eine große, lebenslange Aufgabe.
Wie soll das gehen? Liebe lässt sich nicht einfach hervorbringen. Sie wächst nicht, weil sie gefordert wird, und kein Mensch kann ein Gefühl erzeugen, nur weil ein Gebot es nahelegt.

Gerade darin zeigt sich ein erster Zugang. Jesus spricht von einer Liebe, die sich nicht in religiöser Innerlichkeit erschöpft. Das griechische Wort agapan beschreibt eine wache und verlässliche Zuwendung: die Bereitschaft, sich berühren zu lassen, aufmerksam zu werden und einer Beziehung treu zu bleiben.

Gottesliebe kann so als eine Haltung verstanden werden, in der ein Mensch sein Leben für Gott offenhält und sich von ihm ansprechen lässt.

Diese Bewegung beginnt nicht mit dem Menschen. Dem eigenen Suchen, Fragen und Antworten geht ein Angesprochenwerden voraus.

Der Erste Johannesbrief sagt es in großer Einfachheit: „Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat.“

In diesem Satz liegt eine Befreiung. Gottesliebe muss nicht erst verdient und auch nicht aus eigener Kraft hergestellt werden.

Sie kann dort wachsen, wo ein Mensch sich als angenommen zu begreifen wagt – behutsam und gegen manchen Zweifel, auch in Zeiten, in denen sich kein besonderes religiöses Gefühl einstellt.
Wie ein Kind in der Erfahrung von Nähe, Schutz und Verlässlichkeit allmählich vertrauen lernt, so kann auch der Glaube in die Liebe hineinwachsen.

Gott zu lieben heißt zunächst, sich von ihm lieben zu lassen.

Der ganze Mensch.
Wenn Jesus von Herz, Seele und Denken spricht, nimmt er den Menschen in seiner ganzen Wirklichkeit in den Blick.

Gemeint sind sein Wollen und Fühlen, seine Lebenskraft, seine Vernunft und seine Entscheidungen.
Das Herz bezeichnet in der biblischen Sprache die innere Mitte des Menschen. Hier reifen Entschlüsse, hier formt sich das Gewissen, hier richtet sich das Leben aus.

Gott mit ganzem Herzen zu lieben kann heißen, das eigene Handeln immer wieder an Fragen auszurichten, die über den Augenblick hinausweisen: Was dient dem Leben? Was entspricht der Wahrheit? Was eröffnet Freiheit und bewahrt die Würde anderer und die eigene?

Mit der Seele ist das lebendige Dasein gemeint, der Atem und die Kraft, durch die ein Mensch lebt.

Gott mit ganzer Seele zu lieben heißt, das eigene Leben als Gabe zu empfangen und zugleich Verantwortung dafür zu übernehmen.

Es bedeutet, sich als Geschöpf zu verstehen: endlich und verletzlich, aber auch befähigt, zu gestalten, zu bewahren und weiterzugeben.

Auch das Denken gehört in diese Liebe hinein. Glaube sucht keine gedankliche Unmündigkeit. Er kann fragen, prüfen und sich korrigieren lassen.

Zweifel und die Bereitschaft, eigene Gottesbilder immer wieder zu überprüfen, müssen die Beziehung zu Gott nicht gefährden. Sie können zeigen, dass ein Mensch Gott mehr zutraut als den Bildern, die er sich von ihm gemacht hat.

Liebe als Antwort

Liebe hat die Gestalt einer Antwort. Sie erwächst daraus, dass jemand sich von einer Zuwendung erreicht weiß und darauf sein Leben gründet.

So kann auch die Gottesliebe wachsen: indem ein Mensch empfängt, was ihm vorausgeht, und diesem Empfang im eigenen Leben Gestalt gibt.
Dazu gehören auch Zeiten der Gottesferne. Die Psalmen kennen den Protest, die Klage, die Anklage und das Schweigen. Sie zeigen, dass der Mensch Gott nicht nur mit dem Stimmigen und Gelungenen nahe sein kann. Auch das Ungeklärte darf in der Beziehung bleiben.

Wer Gott die eigene Ratlosigkeit sagt, hält die Beziehung offen, selbst wenn kein Trost spürbar wird.

Der Nächste als Prüfstein

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Jesus hält Gottesliebe und Nächstenliebe so eng zusammen, dass sie einander auslegen und verwirklichen.
Die Liebe zu Gott erhält im Umgang mit anderen ihre Gestalt.

Sie wird sichtbar in der Geduld mit dem Menschen, der anders denkt, im Respekt vor demjenigen, der einem fremd bleibt. In der Bereitschaft, sich berühren zu lassen von einer Not, die den eigenen Alltag unterbricht.

Der Nächste kann nahe sein oder fremd, freundlich oder fordernd. Gerade in der Wirklichkeit solcher Begegnungen gewinnt Gottesliebe Hände, Worte und einen Ort.

Das Gebot schließt das eigene Leben ausdrücklich ein: „wie dich selbst“. Darin liegt die Erinnerung, dass auch der Mensch selbst der Liebe bedarf.

Selbstliebe meint kein Kreisen um sich selbst. Sie meint die Bereitschaft, das eigene Leben als von Gott bejaht und anvertraut anzunehmen.

Man kann den Satz auch so hören: Liebe deinen Nächsten als einen, der dir ähnlich ist. Auch er lebt mit Hoffnungen und Ängsten, mit Verletzungen, Widersprüchen und dem Wunsch, gesehen zu werden.

Wer sich selbst mit größerer Wahrhaftigkeit kennenlernt, wird den anderen weniger rasch auf seine Fehler, seine Fremdheit oder seine Rolle festlegen.

Die Beziehung zu Gott kann zu einem Raum werden, in dem die eigenen Brüche, Ambivalenzen und Schatten da sein dürfen. Sie müssen nicht geleugnet werden, um angenommen zu sein.

Aus einer solchen Annahme kann eine mildere, wahrhaftigere Aufmerksamkeit für andere wachsen.

Eine Übung des Empfangens
Wie geht es also, Gott zu lieben?
Es beginnt mit einer Haltung des Empfangens: auf das zu hören, was einen anruft; im eigenen Denken Raum zu lassen für das, was größer ist als die eigene Gewissheit; Gott auch in Zeiten der Dunkelheit nicht aus dem Gespräch auszuschließen.

Und den Menschen vor sich als einen wahrzunehmen, in dem etwas von Gottes Wirklichkeit aufscheint.

Gottesliebe ist keine außergewöhnliche religiöse Leistung. Sie wird zu einer Bewegung, die das Leben nach und nach prägt: sich lieben zu lassen, damit Liebe weitergegeben werden kann.

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