Augustinus über Gebet, Selbsterkenntnis und das Ende des inneren Versteckspiels

Die Sehnsucht betet

Das Beten beginnt oft mit einem Innehalten, lange bevor das erste Wort fällt. Es beginnt in jenem Moment, in dem die gewohnten Antworten nicht mehr tragen, die eigenen Schutzmechanismen rissig werden und ein Mensch sich plötzlich selbst zur Frage wird.

Wir neigen dazu, das Gebet als religiöse Pflicht misszuverstehen – als konzentrierte Anstrengung oder unaufhörliches Sprechen, mit dem wir einen fernen Gott auf uns aufmerksam machen wollen.

Aurelius Augustinus (* 13. November 354 in Thagaste, einer kleinen Stadt im römischen Nordafrika; † 28. August 430 in Hippo Regius, im heutigen Algerien) blickt ganz anders auf diesen Vorgang. Er ging selbst durch zahllose geistige Irrtümer, innere Spaltungen, durch philosophische und existentielle Krisen, ehe er sich und Gott fand.

Für ihn ist das Gebet ein hochdynamischer Prozess unverstellter Selbstbegegnung – weit entfernt von frommem Leistungsvollzug.

Es entspringt den tiefsten Schichten des menschlichen Verlangens, weit unterhalb der Oberfläche der Sprache.

Deine Sehnsucht ist dein Gebet.“

Dieser schlichte Satz aus seinen Psalmenauslegungen verschiebt die Perspektive grundlegend. „Willst du das Beten nicht unterbrechen, so unterbrich die Sehnsucht nicht. Deine ständige Sehnsucht ist deine ständige Stimme“(Psalmenkommentar 37,14).

“Das wahre Ist such‘ ich, das Ursprungs-Ist“ (Ps 38,7)

Gebet verlangt keine künstlich erzwungene Aufmerksamkeit. Pausenlos Worte zu sprechen vermag ohnehin niemand.

Unter den wechselnden Gedanken, Pflichten und Handlungen des Tages bleibt eine tiefere Ausrichtung lebendig: ein nicht nennbares Verlangen,eine seltsam geheimnisvolle und unbestimmbare Anziehung, ein Ausgerichtetsein auf den Urgrund des Leben.

Augustinus bekennt, dass eine rein aus sich selbst geschöpfte Lebensgestaltung und Selbstverwirklichung eine Illusion ist.

Er macht die entscheidende Entdeckung, dass der Wille zum Handeln eine tiefere Motivation braucht, die aus dem Gemüt kommt.

Der Mensch muss in seiner „Lust“ (delectatio) affiziert, also im Innersten berührt werden. Diese tiefste Motivation entzieht sich der Kraft unserer bloßen Selbstbestimmung.

Sie ist der Ort des geheimnisvollen Wirkens Gottes im Menschen – ein Moment heiliger Faszination, das sich nicht erzwingen lässt, sondern den Menschen aus seiner Starre reißt.

In seinen Bekenntnissen bricht sich diese Erfahrung bahn:

„Du hast gerufen und geschrien und meine Taubheit zerrissen. Du hast geblitzt, geleuchtet und meine Blindheit verscheucht; du hast Duft verbreitet, und ich atme ihn ein und schnaube jetzt nach dir. Ich habe gekostet, nun hungere ich und dürste; […] ich brenne nach dem Frieden in dir.“ (Conf. 10,27,38)

Es ist eine Sprache der puren, affektiven Berührung: Gefallen, Faszination und Liebe. Wenn diese Sehnsucht fortdauert, so Augustinus, dann dauert auch das Gebet fort.

Gebet als existenzielle Bedürfnisklärung

In dieser Perspektive wird das Gebet zu einer unbestechlichen Form der Selbsterforschung.

Es zieht die Aufmerksamkeit von äußeren Erwartungen, Ersatzbedürfnissen und Oberflächenreizen ab und führt direkt zur Grundfrage:

Was ist mein tiefstes Verlangen? Wonach hungert meine Seele wirklich?

Wozu aber brauchen wir dann überhaupt noch Worte? Gott kennt das Innerste längst; er muss nicht informiert werden.

Die Worte dienen uns selbst. Sie sind ein Geländer, an dem wir das eigene Verlangen wieder ablesen können, wenn es im Alltag kalt, zerstreut oder verdrängt zu werden droht. Hier berühren sich Gottesnähe und Selbsterkenntnis unentrennbar.

Das Ende des blinden Flecks

In seinen Bekenntnissen beschreibt Augustinus das Phänomen der Selbsttäuschung: Gott habe ihn von hinter seinem eigenen Rücken hervorgeholt und vor sein eigenes Gesicht gestellt, weil er sich selbst ausweichen wollte.

​„Ich sah es und war entsetzt, und es gab keine Möglichkeit mehr, mir selbst zu entfliehen.“ (Conf. 8,7,16)

​Im Gebet endet dieses Versteckspiel. Die Erfahrung göttlicher Annahme schafft den geschützten Raum, in dem der innere Zensor schweigen darf und die eigene Scham aushaltbar wird.

Vom Wissen zum spürenden Aushalten

​Dabei verwandelt sich das rein intellektuelle Wissen um die eigenen Schwächen in ein spürendes Verstehen.

Erst wo Schmerz oder Schuld tatsächlich gefühlt werden, setzt Wandlung ein. Die äußere Form tritt dabei völlig zurück:

​„Das Erkalten der Liebe ist das Schweigen des Herzens; die Glut der Liebe ist der Schrei des Herzens.“

​Der Mund kann sprechen, während das Herz schweigt – und umgekehrt.

Augustinus bewahrt uns so vor einem Spiritual Bypassing, dem Überdecken psychischer Wunden mit frommen Floskeln.

Klage, Schrei und das Unfertige haben im Gebet ihren angestammten Platz.

​Darin liegt der therapeutische Kern des Gebets: Im unbedingten Aufgehobensein dürfen wir aufhören zu schauspielern, das Verdrängte ans Licht holen und die eigene Sehnsucht lebendig halten.

 

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert