
Mt 18,21–35 und die Grenze eines Gleichnisses
Petrus fragt nach einer Obergrenze der Vergebung – siebenmal, schon großzügig gedacht unter Menschen, die einander wehtun.
Jesu Antwort übersteigt jedes Maß: siebzigmal siebenmal. Diese Zahl ist keine beliebige sprachliche Hyperbel; sie zitiert eine ältere Zahl der Schrift und kehrt sie um.
In Genesis 4 verspricht Gott Kain siebenfachen Schutz – eine erste Grenze gegen die aufkeimende Blutrache.
Wenige Generationen später steigert Lamech genau diesen Schutzgedanken ins Maßlose: Er tötet einen jungen Mann für eine bloße Verwundung und besingt seine Rache – siebenundsiebzigfach. Von hier nimmt die Urgeschichte ihren Lauf in die Gewalt.
Wenn Jesus Petrus siebzigmal siebenmal antwortet, greift er genau Lamechs Zahl auf. Wo Lamech unbegrenzte Rache besingt, fordert Jesus unbegrenzte Vergebung. Die älteste Gewaltgeschichte der Schrift findet in diesem einen Halbvers ihre Antwort.
Doch das Gleichnis, das Jesus anschließt, kann die eigene Pointe nicht bis zum Ende tragen. Sein Schluss – der Herr, der den Schuldner in seinem Zorn den Peinigern übergibt, bis er die ganze Schuld bezahlt habe – entwirft eine Strafe ohne erkennbares Ende.
Genau das aber ist die Struktur, die Vers 22 gerade überwunden haben wollte. Der König, der zu Beginn gnädiger erscheint als Lamech, endet als dessen Wiedergänger. Ein Text, der auszieht, die Logik der Vergeltung zu brechen, fällt in seiner eigenen Erzählung in sie zurück.
Gewiss lässt sich das Wort für „Peiniger“ (basanistai) auch aus dem Wortfeld der Erprobung lesen: Wer Vergebung nur äußerlich empfängt, gerät zurück in die Buchführungslogik und richtet sich im eigenen inneren Gefängnis ein. Doch selbst diese psychologische Umdeutung löst die Härte des Verses nicht vollends auf.
Dass diese Härte bleibt, hat mit der Herkunft des Textes zu tun. Das Gleichnis gehört zum Sondergut des Matthäus, eingebettet in die Gemeinderede, in der Fragen des Zusammenlebens verhandelt werden.
Das bedeutet nicht, den Text zu verwerfen, sondern innerhalb der Schrift selbst zu unterscheiden.
Der Hebräerbrief formuliert die Rangordnung: Gott hat vielmals und auf vielerlei Weise gesprochen, zuletzt aber durch den Sohn. Jesu eigenes Wort an Petrus trägt darum größeres Gewicht als der Erzählschluss, der ihm nicht ganz gerecht wird.
Die Kirche kennt dieses Verfahren längst: Nach der Liturgiereform wurden die Rachestrophen der Fluchpsalmen aus dem Stundengebet entfernt, weil ihr Verlangen dem Ethos der Feindesliebe widerspricht.
Wer sich an diesem Vers stößt, steht darum nicht außerhalb der biblischen Tradition, sondern mitten in ihr – wie Abraham, der um Sodom feilscht, oder Ijob, der für sein ehrliches Ringen gerechtfertigt wird. Ein Vertrauen, das diesen Widerstand unterdrückt, wäre naiv. Ein Vertrauen, das ihn aushält, ist erwachsen.
Genau an der Stelle, an der das Gleichnis scheitert, setzt die Theologie des Karsamstags ein:
Der König des Gleichnisses bleibt außerhalb der Schuld. Der Gott des Karsamstags bleibt nicht außerhalb: Er tritt in die Position des Schuldners ein und durchleidet die Gottferne.
Er beendet die Spirale der Vergeltung nicht durch eine weitere Drohung, sondern indem er selbst in den Abgrund hinabsteigt.
Vielleicht liegt die eigentliche Kraft dieses Textes gerade in seinem Scheitern.
Er zeigt ungeschminkt: Die Logik der Vergeltung predigen wir so viel leichter, als wir sie leben.
Die endgültige Befreiung liegt nicht im Gleichnis selbst, sondern in dem, worauf es – ohne es ganz einlösen zu können – verweist.

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