Zu wem sollen wir gehen?

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Eine Anmerkung nach einem Sonntag im Ringen mit der Parabel in Mt 18,21–35

Nach der Predigt sprach mich eine Psychoanalytikerin an, die im Urlaub zum zweiten Mal den Gottesdienst besucht hatte. Sie nannte mich authentisch – und fügte im selben Atemzug hinzu, heute sei irgendetwas nicht rund gewesen. Als ob ich nicht aus meiner Mitte heraus gesprochen hätte.

​Ich musste ihr zustimmen. Ich suchte noch nach der Mitte, aus der meine innere Auseinandersetzung mit der Parabel mich herausgetrieben hatte.

​Dieser Schlusssatz hatte mir seit Tagen zu schaffen gemacht: So werde auch mein himmlischer Vater an euch handeln, wenn nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergibt.

Je länger ich damit rang, desto deutlicher wurde mir der Bruch:

Jesu Antwort an Petrus will die Vergeltung hinter sich lassen – der Schlusssatz des Gleichnisses fällt direkt in sie zurück.

Das hat mich erst wütend, dann traurig gemacht. Denn eine Zeile aus dem Johannesevangelium ging mir nicht aus dem Sinn: Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens.

Was, wenn ausgerechnet an dieser Stelle etwas Risse bekommt, worauf ich mein ganzes Leben gebaut habe?

​Inzwischen denke ich, dass die Risse selbst etwas Wahres zeigen.

Offenbarung geht durch wirkliche Menschen hindurch, ohne ihre zeitbedingten Begrenzungen aufzuheben. Matthäus schreibt für eine Gemeinde, die um ihre Ordnung ringt.

In diesem Ringen erreicht ein Vers eine Klarheit, die alles übersteigt, während ein anderer Vers desselben Gleichnisses noch in der alten Logik befangen bleibt.

Beides steht im selben Absatz. Offenbarung ist kein fertiges Produkt; sie ist ein Weg, den Menschen mitgehen.

​Vielleicht ist das die einzig ehrliche Form von Vertrauen in die Schrift: Nicht eines, das daran hängt, dass jeder einzelne Vers makellos ist.

Sondern eines, das daran hängt, dass die Gestalt, auf die die ganze Schrift zuläuft, verlässlich bleibt – auch dort, wo einzelne ihrer Zeugen noch unterwegs sind: Menschwerdung, Tod u nd Auferstehung Jesu und unsere Mitnahme.

„Zu wem sollen wir gehen?“, hat Petrus gesagt, als andere gingen, weil ihnen ein Wort zu hart war.

Er sagte es nicht, weil er alles verstanden hatte, sondern weil er an der Person festhielt.

​Dass die Analytikerin mit ihrem Feingespür genau diese Erschütterung an meiner Predigt erspürt hat, bringt mich weiter.

Ich hatte nicht über einen fertigen Text gesprochen, sondern mitten aus einem noch offenen Ringen heraus.

Manchmal entsteht Authentizität nicht dort, wo Antworten abgerundet werden, sondern wo das ehrliche Ringen spürbar bleibt.

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