Was in uns grün bleibt

​​Gedanken zum Gedenktag der heiligen Hildegard von Bingen (17.Sept)

Man kann Hildegard von Bingen leicht verfehlen. Dann bleiben Dinkel, Kräuter, Heilsteine und ein etwas diffuser Begriff von Ganzheitlichkeit.

Die Hildegard des 12. Jahrhunderts war größer, sperriger und interessanter. Sie dachte Wirklichkeiten zusammen, die wir heute gern trennen: Leib und Seele, Krankheit und Heilung, Natur und Geist, Musik und Gebet.

​Ein Wort begegnet bei ihr immer wieder: viriditas. Man übersetzt es mit „Grünkraft“ oder „Grünheit“ – jene Kraft, die wachsen, sich entfalten und lebendig bleiben lässt.

​Ein Mensch kann in diesem Sinn „grün“ sein: innerlich beweglich, schöpferisch, empfänglich. Und er kann verdorren.

​Damit stellt Hildegard eine Frage, die erstaunlich gegenwärtig klingt: Was hält einen Menschen lebendig?

​Wir sprechen heute von Resilienz, psychischer Gesundheit, Bindung oder Ressourcen. Hildegards Bild ist elementarer. Sie fragt, ob Lebenssaft fließt oder ob etwas austrocknet.

​Es gibt Menschen, bei denen äußerlich fast alles funktioniert und bei denen man dennoch spürt, dass etwas trocken geworden ist.

Die Tage werden bewältigt, Aufgaben erledigt, Gespräche geführt. Doch wenig erreicht noch die Tiefe. Freude wird selten, Beziehungen werden funktional, das Staunen verschwindet.

Selbst der Glaube kann in eine solche Landschaft geraten: vertraut und korrekt – und ohne Saft.

​Hildegards Bild der viriditas wird dann zu einer geistlichen Diagnose.

​Denn Leben braucht Zufluss. Niemand hält sich auf Dauer aus eigener Kraft lebendig.

Wir leben von dem, was uns zukommt: von einem Menschen, der uns wirklich sieht, von Schönheit, Musik, Natur, einem Wort im rechten Augenblick, einer Stille, in der wir wieder spüren, dass unser Leben größer ist als das, was wir daraus gemacht haben. Für Hildegard führt dieser Zufluss letztlich zu Gott.

​Darum nimmt sie auch den Leib ernst. Er ist keine Hülle einer frommen Seele. Körperlichkeit, Gebrechlichkeit, Gefühle und Bedürfnisse gehören zur Wirklichkeit des Menschen.

Was geistlich geschieht, geschieht immer einem Menschen mit seinem Leib, seiner Geschichte und seiner Empfindsamkeit.

​Auch ihre medizinischen Überlegungen stehen in diesem Zusammenhang. Ernährung, Lebensweise, körperliche Verfassung und seelische Bewegung gehören für sie zusammen.

Man sollte daraus keine moderne Psychosomatik machen. Doch Hildegard kennt jene scharfe Trennung zwischen Körperlichem und Seelischem noch nicht, die spätere Jahrhunderte geprägt hat.

​Ein Schlüsselwort ist für sie die discretio, das rechte Maß. Hildegard misstraute der Übertreibung, auch der religiösen. Eine Frömmigkeit, die den Menschen überfordert und den Leib missachtet, kann selbst zerstörerisch werden.

​Wer so auf das Ganze blickt, bleibt nicht weltflüchtig. Hildegard war alles andere als eine sanfte Wellness-Mystikerin.

Ihre Visionen schärften ihren Blick für die konkrete Wirklichkeit. Sie schrieb an Päpste, Bischöfe und Herrscher, widersprach, mahnte und mischte sich ein.

Glaubwürdige Spiritualität macht einen Menschen nicht weltfremder; sie lässt ihn genauer hinsehen.

​Zugleich dachte Hildegard den Menschen als ein Wesen der Resonanz. Ihre eigene Musik hat eine ungewöhnliche Weite. Die Schöpfung erschien ihr wie eine Symphonie; auch die Seele kann klingen, verstummen, sich verstimmen oder neu einstimmen.

​Dieses Bild reicht weit über die Musik hinaus.

​Leben gelingt dort, wo Resonanz möglich bleibt – wo uns etwas erreicht und ins Schwingen bringt. Wo wir hören lernen. Wo die verstummten oder übertönten Stimmen unseres Lebens wieder Raum bekommen.

​Darin berühren sich seelische Heilung und Gebet: Beides beginnt nicht mit dem Produzieren eigener Töne oder Worte, sondern mit einem Wieder-Hörfähig-Werden.

Mit dem Innehalten vor jener Wahrnehmung, dass unser Leben von einer tieferen Wirklichkeit getragen ist.

​Am Ende richtet das alte Bild von der Grünkraft eine einfache, aber unnachgiebige Frage an uns:

​Was in mir lebt noch? Was wächst? Und wo ist etwas erloschen oder trocken geworden,weil ich gelernt habe, das Fehlen nicht mehr zu spüren?

​Heilung greift nach dieser Vorstellung nicht ein; sie lässt erst einmal wahr sein.

Denn selbst das dürrste Land hat die Erinnerung an den Regen nicht verloren.

Vom ursprünglichen Kloster Rupertsberg in Bingen, das um 1150 von Hildegard von Bingen gegründet wurde, existiert heute leider kein intaktes Gebäude mehr, da es im Dreißigjägrigen Krieg. (1632) fast vollständig zerstört wurde.

Foto: das kirchenrechtliche Nachfolgekloster, die Abtei St. Hildegard in Eibingen (oberhalb von Rüdesheim auf der gegenüberliegenden Rheinseite).

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