Die Entdeckung des Ich
Zum Evangelium des Sonntags – Johannes 9, 1-40
“ Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.“ (Johannes 9,5)
Wir werden oft blind geboren für das, was wir wirklich sind. Wir sehen nur das, was man uns zu sehen erlaubt: die Erwartungen der Eltern, die Diagnosen der Experten, die grauen Wände der Routine. Wir sitzen am Rand unseres eigenen Lebens und betteln um Anerkennung.
Dann geschieht der Bruch. Etwas Ungebetenes berührt uns. Es ist kein sanfter Trost, sondern eine raue Störung – wie Erde, die sich auf unsere Sicht legt. Eine Zumutung, die uns zwingt, aufzustehen und den vertrauten Platz zu verlassen.
Du musst zum Wasser gehen. Alleine. In der Dunkelheit der Ungewissheit.
Und während du dich wäschst, spülst du nicht nur den Schmutz ab, sondern auch die Maske, die du so lange getragen hast.
Wenn du zurückkehrst, geschieht das Merkwürdige: Die Welt erkennt dich nicht mehr. Sie erschrickt vor deinem neuen Blick. Sie wollen dich zurück in die alte Blindheit zwingen, in die Sicherheit der vertrauten Ohnmacht. Sie fragen nach dem „Warum“ und dem „Wie“, weil sie das „Dass“ nicht ertragen können.
Wer sehend wird, verliert seine Heimat in der Masse. Man wird dich ausstoßen aus den Zirkeln derer, die behaupten, alles zu durchschauen. Doch genau dort, im Freien, unter dem nackten Himmel der Einsamkeit, begegnest du zum ersten Mal dir selbst.
Und du erkennst: Das Licht war immer da. Du musstest nur den Mut aufbringen, die Augen zu öffnen – auch auf die Gefahr hin, allein zu stehen.

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