Der Sämann

Das Gleichnis der verschwendeten Großzügigkeit

Mt 13,1–23

Vincent van Gogh, Der Sämann vor untergehender Sonne‘, Arles, 1888

Jesus sitzt im Boot. Die Menge steht am Ufer. Und dann ein Bild: ein Sämann, der hinausgeht.

Was dieser Sämann tut, verstört jeden, der rechnen kann. Er sät auf den Weg. Auf Felsen. In die Dornen. Er verschwendet seinen Samen an Boden, der ihn nicht verdient.

Darin liegt das erste Geheimnis: Gott kalkuliert nicht. Er sät.

Er wartet nicht, bis ein Mensch bereit ist. Er wählt nicht den würdigen Boden aus, bevor er anfängt. Er wirft sein Wort in das Leben der Menschen – in ihre Zerstreuung, in ihre Verhärtung, in ihre Erschöpfung. Seine Zuwendung geht jeder Vorbereitung voraus.

Die vier Böden – eine innere Landschaft

Die vier Böden beschreiben keine vier Menschentypen. Sie beschreiben einen einzigen Menschen im Lauf seines Lebens.

Jeder kennt den festgetretenen Weg in sich: die Stelle, wo das Herz hart geworden ist. Nicht aus Böswilligkeit – sondern weil zu viele über ihn hinweggegangen sind. Wer oft genug enttäuscht wurde, schützt sich.

Unter der Härte liegt meistens eine Verwundung, keine Gleichgültigkeit.

Jeder kennt den Felsen: die Begeisterung, die sofort aufgeht und keine Tiefe findet. Das Wort berührt – aber es bleibt an der Oberfläche. Sobald Widerstand kommt, ist nichts mehr da, woran man sich halten kann. Der tiefere Grund fehlt.

Jeder kennt die Dornen: die Sorgen, die sich ausbreiten, ohne dass man es entschieden hätte. Das Wort ist noch da – aber es findet keinen Atem mehr.

Und jeder kennt – seltener als man hofft, aber wirklich – den Augenblick, wo etwas ankommt. Wo ein Wort in die Tiefe sinkt und dort bleibt.

Das Ziel: Heilung

Jesaja nennt es in einem Satz:

„damit sie mit ihrem Herzen zur Einsicht kommen und sich bekehren und ich sie heile.“

Das Wort Gottes will nicht informieren. Es will heilen.

Es sucht die verhärtete Stelle, die verwundete, die überwucherte. Es fragt nicht, ob der Boden vorzeigbar ist. Es fällt – und arbeitet weiter, auch dann, wenn wir schlafen.

Wirkliches Verstehen ist kein intellektueller Vorgang. Es geschieht dort, wo ein Satz einen Menschen trifft und etwas in ihm anfängt, sich zu verändern.

Was bleibt

Kein Acker ist ein für alle Mal festgelegt.

Das ist die eigentliche Hoffnung dieses Gleichnisses. Das Herz, das heute hart ist, kann morgen weich werden. Die Verwundung, die sich jahrelang verschlossen hat, kann aufbrechen. Der Boden, der lange nichts getragen hat, kann Frucht bringen – dreißigfach, sechzigfach, hundertfach.

Der Ertrag gehört nicht allein dem Boden. Er entsteht aus dem Zusammenwirken von Samen, Erde, Licht und Zeit. Vieles daran ist Gnade.

Der Sämann geht hinaus. Noch immer. Er fragt nicht, ob wir bereit sind.

Er sät.


Fürbitten

Wir treten vor Gott mit dem, was wir sind – nicht mit dem, was wir sein möchten. In diesem Vertrauen beten wir:

Für alle, deren Herz hart geworden ist – nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Schmerz: Dass eine unverhoffte Güte den festgetretenen Boden wieder aufweicht.

Christus, höre uns.

Für alle, die glauben wollen und es nicht können – die das Wort hören und spüren: Es gilt für andere, nicht für mich: Dass sie den Sämann entdecken, der auch in ihre Erschöpfung sät.

Christus, höre uns.

Für alle, deren Leben von Sorgen überwuchert ist – die kaum noch Raum finden für das, was trägt: Dass ihnen ein Augenblick der Freiheit geschenkt wird – Luft für das, was wachsen will.

Christus, höre uns.

Für alle, die Frucht tragen, ohne es zu wissen – die ein Wort gesprochen, eine Treue gehalten, eine Güte gezeigt haben, von der sie nie erfuhren, was sie bewirkt hat: Dass sie ahnen dürfen, wie weit ihre Saat gegangen ist.

Christus, höre uns.

Für die Kirche – dass sie sät wie der Sämann im Gleichnis: verschwenderisch, ohne Vorbedingungen, ohne vorab zu entscheiden, wer des Wortes würdig ist.

Christus,höre uns.

Für unsere Verstorbenen – die gesät und geerntet haben, die geglaubt und gezweifelt haben: Dass sie nun ankommen in dem, was alle Frucht übersteigt.

Christus, höre uns.

Du säst, ohne zu fragen, ob wir bereit sind. Du kennst unsere Härte, unsere Seichtheit, unsere Überwucherung. Und du säst weiter. Lass das, was heute in uns gefallen ist, tiefer sinken, als wir denken.

Durch Christus, unsern Herrn. Amen.

Kommentare

Ein Kommentar zu „Der Sämann“

  1. Avatar von Margot Lechner-Lehnert
    Margot Lechner-Lehnert

    Lieber Herr Dr. Katz,

    von Herzen danke ich Ihnen für Ihre Hoffnung spendene Interpretation vom Säman.

    Die Perspektive, dass „der Säman“ nicht kalkuliert oder auf meine Bereitschaft wartet, wie Sie schreiben, dass er hinaus geht und großzügig sät, egal, wie „mein Boden“ beschaffen ist, berührt mich zutiefst und befreit mich von Unsicherheit und Sorge, mein Boden könnte nicht würdig genug sein, um seine Saat über meiner Wüste auszubringen.

    Danke, dass Sie mir mit Ihren Worten einen Augenblick geschenkt haben, in welchem „ein Wort in meine Tiefe gesunken ist“ und auf fruchtbaren Boden fiel – um zu bleiben.

    Mit herzlichen Grüßen
    Margot Lechner-Lehnert

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