Die Heilung des Blindgeborenen

„Eines weiß ich: Ich war blind — und jetzt sehe ich.“
Eine Deutung zu Johannes 9,1–41


I. Die falsche Frage


Die Jünger fragen: Wer hat gesündigt — er oder seine Eltern? Eine menschlich verständliche Frage. Wir ertragen Kontingenz schlecht. Blindheit von Geburt an — das schreit nach Erklärung, nach Schuld, nach Sinn. Das Leiden muss einen Grund haben, dann ist es beherrschbar. Dann gibt es jemanden, dem man es zuschreiben kann.
Jesus verweigert diese Logik radikal. Er sagt nicht: Die Frage ist falsch, weil niemand schuldig ist. Er sagt: Ihr fragt nach Schuld — ich sehe eine Möglichkeit. Das ist kein Ausweichen, das ist eine Umkehr der Perspektive. Nicht die Vergangenheit erklärt diesen Menschen — er hat eine Zukunft, in der Gott sich zeigen kann. Das Leiden wird nicht erklärt. Es wird verwandelt.
Das ist eine der großen theologischen Bewegungen des Johannesevangeliums: weg von der Kausalität — hin zur Finalität. Nicht: Woher kommt das? — sondern: Was wird daraus werden?


II. Erde, Speichel, Wasser — Schöpfung zweiter Ordnung


Jesus macht einen Brei aus Erde und Speichel. Ein fast archaisches, körperliches Geschehen. Johannes, der das Wort-Gottes-Evangelium schreibt, erzählt von Erde und Spucke. Das ist kein Zufall.
Speichel ist das Intimste, was ein Mensch von sich gibt, ohne Berührung. Erde ist der Urstoff der Schöpfung — aus Erde hast du mich gemacht, und zur Erde wirst du zurückkehren. Und dieser Blinde — er hat nie gesehen, was Schöpfung ist. Er kennt die Welt ohne Licht.
Nun legt Jesus ihm diese Mischung auf die Augen und schickt ihn zum Teich Siloah, zum Gesandten. Das Wort „Gesandter“ ist im Johannesevangelium der Schlüsselbegriff für Jesus selbst. Der Blinde geht zum Gesandten Gottes — und in diesem Gang, im Gehorsam ohne Sehen, kommt das Sehen.
Das hat eine tiefe psychologische Wahrheit: Heilung setzt oft Bewegung voraus, bevor Einsicht da ist. Man muss losgehen, bevor man weiß, was wartet. Das Vertrauen geht dem Verstehen voraus.


III. Die Verhöre: Wer sieht, wer ist blind?


Die eigentliche dramatische Mitte des Textes sind nicht die Augen des Blinden — es sind die Verhöre. Fünfmal wird der Geheilte befragt. Die Pharisäer, die Nachbarn, die Eltern, nochmals die Pharisäer. Das ist ein rechtsförmliches Verfahren. Es geht um Wahrheit — aber paradoxerweise gegen die Wahrheit.
Und der Geheilte? Er wächst in jedem Verhör. Zuerst: Der Mann, der Jesus heißt… Dann: Er ist ein Prophet. Dann der unglaubliche Satz, fast trotzig: Darin liegt das Erstaunliche, dass ihr nicht wisst, woher er kommt — er hat mir aber die Augen geöffnet. Und am Ende, nach dem Hinauswurf, die Anbetung.
Das ist eine Glaubensentwicklung, die durch Widerstand entsteht. Nicht durch Unterweisung, nicht durch Katechese — durch Verfolgung. Je mehr sie ihn bedrängen, desto klarer wird er. Der Druck erzeugt Tiefe.
Psychologisch kennen wir das: Identität wächst oft unter Widerstand. Wer nie herausgefordert wird, bleibt unausgeformt. Dieser Blinde wird durch die Verhöre zu dem, der er ist.


IV. Das große Paradox: Die Sehenden sind blind


Der Schlusssatz Jesu hat eine erschreckende Schärfe: Wäret ihr blind, so hättet ihr keine Sünde. Aber ihr sagt: Wir sehen — darum bleibt eure Sünde.
Das ist keine Polemik gegen die Pharisäer als historische Gruppe. Das ist ein anthropologisches Wort. Es trifft alle, die meinen, sie bräuchten kein neues Licht. Die ihre Kategorien für vollständig halten. Die wissen, was möglich ist und was nicht — und dabei das Unmögliche, das gerade vor ihnen geschieht, nicht sehen können.
Die Sünde der Sehenden ist nicht böser Wille. Es ist die Selbstverschlossenheit des Gesättigten. Wir wissen, dass dieser Mensch von Gott nicht ist — das ist der Satz des religiösen Systems, das sich selbst genug geworden ist.
Gegenüber steht dieser einfache Mensch, der nie gelernt hat, die Welt in Ordnung zu sehen — und deshalb offen bleibt für das, was kommt.


V. Was bleibt


„Eines weiß ich: Ich war blind — und jetzt sehe ich.“
Das ist kein theologisches System. Das ist Zeugnis. Erfahrung, die nicht wegzudiskutieren ist. Keine Erklärung, kein Argument — nur: das ist mir widerfahren.
In der Fastenzeit lädt uns dieser Text ein, ehrlich zu fragen: Wo bin ich der Sehende, der nicht sieht? Wo halte ich mein religiöses Wissen, meine Deutungen, meine Sicherheiten für vollständig — und lasse kein Licht mehr herein?
Und wo ist in mir jener blinde Bettler, der nichts erklärt, nichts systematisiert, der einfach losgegangen ist — und sehend zurückgekehrt?
Die Taufe, zu der Johannes 9 im Frühjahr der Katechumenatszeit immer auch hinweist, ist nicht mehr als das: Hinabsteigen ins Wasser des Gesandten, mit Erde und Nacht auf den Augen — und zurückkehren sehend.

Kommentare

2 Antworten zu „Die Heilung des Blindgeborenen“

  1. Avatar von Anneliese Feldmeier-Burkardt
    Anneliese Feldmeier-Burkardt

    Diese Auslegung ist so tiefgehend und vor allem: erhellend! Davon lasse ich mich gerne in Frage stellen. Aus der Suche schöpfe ich Antworten, die erfüllend sind, jedoch nie abschließend! Die Antworten ermutigen stets immer weiter zu fragen.

    1. Avatar von Lothar Katz

      Herzlichen Dank für die berührenden Worte. Es freut mich sehr, wenn diese Gedanken zum Weiterfragen ermutigen – genau darin liegt für mich der Sinn.

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