Der schweigende Tag
Was geschah zwischen Kreuz und Auferstehung?
Über Hans Urs von Balthasars Theologie des Karsamstag
Dieser Text ist keine Predigt im engeren Sinne, sondern eine theologische Vertiefung — ein Versuch, die Theologie der drei Tage (Karfreitag, Karsamstag, Ostern)Hans Urs von Balthasars einem breiteren Leserkreis zugänglich zu machen. Er richtet sich an alle, die dem Karsamstag mehr abgewinnen möchten als ein liturgisches Schweigen.

Eines der letzten Werke Rothkos — zwei Schweigen, die aneinandergrenzen. Die unaufgelöste Grenze zwischen Schwarz und Grau: kein Aufstieg, keine Farbe, nur die Stille des Zwischen.
Zwischen Karfreitag und Ostern liegt ein Tag, den die meisten überspringen. Der Karsamstag ist liturgisch leer. Keine Messe, kein Gottesdienst, kein Wort. Die Kirchen schweigen. Und doch ist dieser Tag vielleicht der theologisch tiefste des ganzen Kirchenjahres — zumindest nach dem Theologen Hans Urs von Balthasar, dem wohl bedeutendsten katholischen Denker des 20. Jahrhunderts.
Ich hatte das Glück, ihm persönlich im Rahmen von Exerzitien zu begegnen und habe mich in meinem Studium intensiv mit seinem Werk auseinandergesetzt. Was er über den Karsamstag zu sagen hat, hat mich nie losgelassen — nicht als Theologen, nicht als Arzt und Psychotherapeuten. Denn es geht um etwas, das mitten ins Leben reicht: Was ist Gottverlassenheit? Und was bedeutet es, dass Gott in seinem menschgewordenen Sohn Jesus Christus selbst sie erfahren hat?
Das Schweigen Gottes
Am Karfreitag stirbt Jesus. Aber was geschieht danach? Die Bibel sagt, Jesus sei „hinabgestiegen in das Reich des Todes“ — so heißt es im Apostolischen Glaubensbekenntnis, einem der ältesten Texte des Christentums. Ein Satz, der gerne überhört wird. Balthasar hat ihn ins Zentrum gestellt.
Der Karsamstag ist für ihn der Tag des vollständigen Schweigens Gottes. Nicht Trauer, nicht Erschütterung, nicht Warten — sondern: Stille. Eine Stille, die nicht beruhigend ist, sondern abgründig. Der Tote liegt im Grab. Und Gott schweigt.
Balthasar nennt diesen Zustand den „Zustand des Toten“ — und er meint es wörtlich. Jesus ist nicht scheintot. Er ist nicht entrückt. Er ist gestorben — vollständig, in der ganzen Radikalität des menschlichen Todes. Und in diesem Tod, so Balthasar, steigt er hinab in das, was die Bibel mit dem hebräischen Wort Scheol bezeichnet: den Ort der Abwesenheit Gottes, den Ort aller, die von Gott getrennt sind.
Solidarität bis in den Abgrund
„Der Sohn Gottes betritt das Reich des Todes nicht als Sieger, der es stürmt, sondern als Toter unter Toten.“— Hans Urs von Balthasar, Theologie der drei Tage
Das ist der entscheidende Gedanke. Balthasar unterscheidet sich hier scharf von einer älteren theologischen Tradition, die den Abstieg Christi als triumphalen Siegeszug beschrieb — als breche er die Tore der Unterwelt auf und befreie die Gefangenen mit mächtiger Hand. Das ist ein schönes Bild. Aber es stimmt nicht mit dem überein, was Balthasar für das Zentrum der christlichen Botschaft hält.
Denn das Evangelium sagt nicht: Gott schaut von oben auf das menschliche Leid. Es sagt auch nicht: Gott versteht das Leid vom Rand her. Es sagt: Gott ist hineingegangen. Ganz. Ohne Rest. In das Äußerste, was dem Menschen widerfahren kann — nicht nur den Schmerz des Sterbens, sondern die radikale Erfahrung, dass Gott nicht da ist.
Am Kreuz schreit Jesus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Das ist kein frommer Satz. Das ist der Urschrei der Gottverlassenheit. Und Balthasar sagt: Dieser Schrei endet nicht mit dem Tod. Er geht weiter — durch den Tod hindurch, in den Karsamstag hinein. Der Tote liegt in der Stille des Grabes, und diese Stille ist die Stille Gottes.
Was das für uns bedeutet
Man könnte fragen: Wozu brauchen wir das? Genügt es nicht, am Karfreitag das Kreuz zu betrachten und am Ostersonntag die Auferstehung zu feiern?
Balthasar würde antworten: Nein. Denn zwischen Kreuz und Auferstehung liegt die Erfahrung, die die meisten Menschen kennen — die Erfahrung, dass Gott schweigt. Die Nacht der Seele, wie Mystikerinnen und Mystiker sie beschreiben. Die Erschöpfung nach einem langen Leidensweg, in der die Kraft zum Beten fehlt. Das dumpfe Schweigen, das bleibt, wenn das Beten keine Antwort mehr zu finden scheint.
Wer in dieser Erfahrung ist, befindet sich, so Balthasar, nicht außerhalb Gottes — sondern an dem Ort, an dem Gott selbst war. Der Karsamstag ist die theologische Bedeutung der Gottverlassenheit. Gott hat diesen Ort nicht gemieden. Er hat ihn bewohnt.
Manchmal in psychotherapeutischen Behandlungen denke ich an diese Dimension, wenn Menschen mir von Zuständen berichten, in denen sie sich vollkommen allein gelassen fühlten — von Gott, von anderen Menschen, von sich selbst. Balthasars Karsamstags-Theologie sagt nicht: „Das war eigentlich gar nicht so schlimm.“ Sie sagt: „Dieser Abgrund ist real. Und Gott kannte ihn.“
Ostern setzt den Karsamstag nicht außer Kraft
Die Auferstehung am Ostersonntag hebt den Karsamstag nicht auf — sie antwortet ihm. Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied. Würde Ostern den Karsamstag einfach rückgängig machen, wäre der Tod Jesu letztlich folgenlos gewesen, ein Intermezzo, eine Durchgangsstation auf dem Weg zur Herrlichkeit. Dann wäre Gott nie wirklich gestorben. Dann hätte er nur so getan als ob.
Aber Balthasar besteht darauf: Der Tod Jesu war real. Der Abstieg in die Gottverlassenheit war real. Und die Auferstehung ist die Antwort Gottes — des Vaters — auf diesen Tod. Sie ist nicht die Rücknahme des Karsamstags, sondern seine Verwandlung. Das Schweigen bleibt. Aber es bekommt eine neue Bedeutung: Es ist nicht das letzte Wort.
„Der Vater hat den Sohn nicht aus dem Tod herausgenommen, als wäre der Tod nichts gewesen. Er hat ihn durch den Tod hindurch verwandelt.“— Hans Urs von Balthasar, Mysterium Paschale
Die Hölle als christologischer Ort
Hier öffnet sich bei Balthasar ein weiterer, noch kühnerer Gedanke. Was ist eigentlich die „Hölle“ — theologisch gesehen? Die volkstümliche Vorstellung kennt sie als Ort der Verdammnis, als Gegenpol zum Himmel, als Strafe für die, die sich endgültig von Gott abgewandt haben. Balthasar akzeptiert diese Möglichkeit des Sich-Verschließens als ernst zu nehmende Freiheit des Menschen. Aber er verschiebt den Blick: Die Hölle ist nicht primär ein Ort der Bestrafung — sie ist der Ort der äußersten Gottferne, der radikalsten Selbst- und Gottentfremdung, die überhaupt denkbar ist.
Und eben diesen Ort — so Balthasars eigentliche These — hat Christus am Karsamstag betreten. Nicht von außen, nicht als Beobachter, nicht als mächtiger Befreier. Sondern indem er selbst in diesen Zustand eintrat. Damit aber wird die Hölle zu einem christologischen Ort: einem Raum, den der Sohn Gottes von innen kennt. Sie ist nicht mehr ausschließlich das Andere Gottes — sie ist durchdrungen von seiner Gegenwart, auch wenn diese Gegenwart die Gestalt äußerster Ohnmacht und Stille annimmt.
Eine Hoffnung, die nicht beweisbar ist
Aus diesem Gedanken wächst bei Balthasar etwas, das er selbst nur als Hoffnung formuliert — nie als Gewissheit, nie als Lehre. Aber es ist eine Hoffnung, die er theologisch ernst nimmt und die er in seinem kleinen, bedeutenden Buch Was darf man hoffen? entfaltet hat.
Die Frage lautet: Ist zu hoffen, dass am Ende niemand in der Hölle ist? Dass selbst die äußerste denkbare Gottentfremdung — die vollständige Verschlossenheit des Menschen, die totale Selbstabsperrung — aufgehoben ist?
Balthasar antwortet weder mit einem naiven Ja noch mit einem dogmatischen Nein. Er sagt: Es ist erlaubt zu hoffen. Mehr noch — es gibt theologische Gründe für diese Hoffnung. Und diese Gründe liegen im Herzen der Trinität selbst.
„Zwischen Vater und Sohn klafft — in der Einheit des Geistes — ein Abstand, der groß genug ist, um alle menschliche Entfremdung in sich aufzunehmen.“— Hans Urs von Balthasar, Theologik III
Das ist ein atemberaubender Gedanke. Im innersten Leben Gottes — in der Beziehung zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist — gibt es eine Differenz, einen Abstand, eine Hingabe, die unvorstellbar groß ist. Der Sohn ist nicht der Vater. Der Vater übergibt sich ganz an den Sohn. Der Sohn gibt sich ganz zurück. Diese ewige Bewegung des Schenkens und Empfangens, diese trinitarische Dynamik, ist die Urform aller Liebe.
Und Balthasar sagt: Dieser Abstand zwischen den göttlichen Personen ist so unermesslich, dass er jeden menschlichen Abstand von Gott — selbst den äußersten, selbst die Hölle — in sich fassen kann. Die trinitarische Differenz ist gleichsam der Raum, in den alle Gottferne eingebettet ist. Nicht weil die Gottferne gutgeheißen würde. Sondern weil die Liebe größer ist als die Entfremdung — unbegreiflich größer.
Das ist keine billige Allversöhnungslehre, die die menschliche Freiheit zur Ablehnung Gottes nicht ernst nähme. Balthasar betont ausdrücklich: Er lehrt nicht, dass alle gerettet werden. Er hofft es — und er findet in der Unendlichkeit der trinitarischen Liebe den theologischen Grund für diese Hoffnung. Es bleibt Hoffnung. Aber eine begründete, eine ernste, eine die den Schmerz des Karsamstags nicht umgeht, sondern durch ihn hindurchgeht.
Der Karsamstag und unsere Zeit
Mir scheint, dass wir kulturell in einer Art verlängertem Karsamstag leben. Viele Menschen haben die religiösen Gewissheiten verloren, ohne neue gefunden zu haben. Das Schweigen Gottes ist für viele nicht mehr theologisches Problem, sondern gelebte Wirklichkeit. Die großen Narrative, die dem Leben Sinn gaben, sind brüchig geworden.
Balthasars Theologie des Karsamstags trifft diese Situation mit einer erstaunlichen Präzision — nicht weil sie das Problem löst, sondern weil sie ihm standhält. Sie sagt: Dieser Zustand des Zwischen, des Schweigens, des Noch-nicht — er ist nicht Gottlosigkeit. Er ist möglicherweise der Ort, an dem Gott am verborgensten und am tiefsten gegenwärtig ist.
Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft dieses schweigenden Tages zwischen Karfreitag und Ostern: Wo alles verstummt ist, war Gott zuerst.
Zum Weiterlesen: Hans Urs von Balthasar, Theologie der drei Tage (Einsiedeln: Johannes Verlag, 1969); Mysterium Paschale, in: Mysterium Salutis, Bd. III/2; Was darf man hoffen? (Einsiedeln: Johannes Verlag, 1986). — Eine zugängliche Einführung in Balthasars Gesamtdenken bietet: Peter Henrici, Hans Urs von Balthasar. Ein Porträt.
Hans Urs von Balthasar (1905–1988) gilt als einer der bedeutendsten katholischen Theologen des 20. Jahrhunderts. Papst Johannes Paul II. berief ihn kurz vor seinem Tod 1988 zum Kardinal. Sein Werk umfasst die große Trilogie Herrlichkeit, Theodramatik und Theologik.
Lothar Katz
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