Pfingsten- Gottes Intimität in unserer Intimität

Eine Meditation über den Hl. Geist, der Christus nicht erklärt, sondern von innen her erkennbar macht.


Wäre der Geist nicht gekommen, Jesus wäre eine unerhörte Gestalt der Geschichte geblieben: ein Mensch aus Nazareth, hineingestellt in die Spannungen seiner Zeit, von einigen geliebt, von vielen missverstanden, am Ende den Mächten ausgeliefert.


Selbst die ihm Nahestehenden stießen an die Grenzen des Nachvollziehbaren. Sie hatten seine Stimme gehört. Sie kannten seinen Gang, seine Art, einen Menschen anzusehen, sein Schweigen, seine Müdigkeit. Sie hatten erlebt, wie in seiner Nähe Leben wieder aufgerichtet wurde. Und doch blieb in ihm eine Tiefe, die sich ihrem Begreifen entzog.


Wer war dieser Mensch?


Wie sollte man erfassen, dass in seinem Leiden mehr geschah als das tragische Ende eines Gerechten? Wie sollte man erkennen, dass dieser Tod Heimholung, Versöhnung und Neuschöpfung bedeutet?

Am Kreuz steht nicht einfach das Scheitern eines Menschen vor Augen. Dort steigt Gott selbst bis in die äußerste Gottferne hinab.
Kein menschlicher Verstand konnte das aus sich selbst hervorbringen. Auch Liebe, religiöse Bildung und Einfühlung reichten nicht aus, um das Geheimnis Jesu ganz zu öffnen.


Dabei war er einer von ihnen. Der Sohn Marias. Einer mit einer Herkunft, einer Stimme, einem Gesicht. Einer, der Hunger kannte und Tränen. Einer, dessen Hände Brot brachen.


Gerade diese Nähe machte das Geheimnis größer. In diesem Menschen atmete mehr als ein einzelnes Leben. In ihm wurde der Kosmos von innen her berührt. In ihm fand das tiefste Sehnen der Schöpfung eine Gestalt. Gott trat mitten in die Welt, verwundbar und ansprechbar, ausgeliefert an menschliche Hände.


Das war zu groß und weit für das bloße Begreifen.
Jesus wusste darum. Er konnte diese Sicht nicht erzwingen. Unter dem Blick der Verantwortlichen seiner Zeit musste er als Zumutung erscheinen: als einer, der die Ordnung gefährdet und die Grenzen des Sagbaren überschreitet.


Den Menschen fehlte es nicht an Vernunft oder Ernst. Sie standen vor einer Tür, die sich von außen nicht öffnen ließ.


Pfingsten ist das Aufgehen dieser Tür von innen.
Der Geist Gottes kommt als neue Weise des Sehens. Er schenkt, was Klaus Hemmerle „Osteraugen“ genannt hat: einen Blick, der den Gekreuzigten als den Lebendigen erkennt und im Verwundeten die Herrlichkeit Gottes wahrnimmt.


Im Geist wird sichtbar, wer Christus ist: ganz menschlich und ganz göttlich, ohne Vermischung und ohne Trennung. Der geschichtliche Jesus und der auferstandene Herr sind derselbe. Der Mensch, der müde am Brunnen sitzt, ist derselbe, in dem die ganze Schöpfung Ursprung und Ziel findet. Der Mensch, der am Kreuz schreit, ist derselbe, in dem Gott die Welt an sich zieht.


Das Evangelium mutet unserem Denken diese Weite zu. Es führt über die kleinen Formate hinaus, in die wir Gott gern einpassen würden. Wir wünschen uns oft eine Religion, die überschaubar bleibt. Pfingsten öffnet den Raum weiter. Es macht aus Glauben eine bewohnte Tiefe.


Der Geist verbindet das Ewige mit der Zeit, das Unfassbare mit dem konkreten Alltag, das Geheimnis Gottes mit der verwundbaren Geschichte des Menschen. Er bleibt vor uns nicht wie ein Gegenstand des Nachdenkens stehen. Er wird Gegenwart in uns.
Hier ereignet sich Pfingsten.


Gottes Geist dringt nicht gewaltsam ein. Er überredet nicht. Er macht nicht klein. Er berührt jene innerste Stelle, an der der Mensch mehr ist als seine Rolle, seine Lebensleistung und seine Angst. Dort, wo wir uns selbst kaum zugänglich sind, wird er leise gegenwärtig.


Er ist Gottes Intimität in unserer Intimität.
Eine Gegenwart, die tiefer reicht als Stimmung. Ein Licht, das von innen her sehen lässt. Eine Freiheit, die uns mitten in der Welt aufrichtet.


Pfingsten heißt: Gott bleibt uns nicht äußerlich. Er wird geglaubt, bedacht, verehrt, verkündet — und zugleich nimmt er Wohnung in jener verborgenen Mitte, aus der heraus wir lieben, hoffen, vergeben und neu beginnen können.
Der Geist ist die innere Weite Gottes in uns.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert