Der Text: lateinisch – deutsche Übersetzungen
Ein knapper Blick auf Ursprung, poetische Gestalt und theologische Aussage der traditionellen Sequenz zu Pfingsten. Kurz erläutert werden Verfassergeschichte, metrische Kunst und zentrale Glaubensthemen — von der Neuschöpfung durch den Geist bis zur Identifikation des Heiligen Geistes mit der Liebe Gottes.
Man nimmt heute überwiegend Stephan Langton, Erzbischof von Canterbury (gest. 1228), als Verfasser der Pfingstsequenz an. Die Kürze des Textes ist bemerkenswert: In nur zehn dreizeiligen Strophen entfaltet sich eine erstaunliche Fülle geistlicher Gedanken.
Formal zeigt die Sequenz große Disziplin — alle Verse sind sieben-silbig (auch die beiden Nachdichtungen auf Deutsch), jede Strophe folgt demselben rhythmischen Schema, die beiden ersten Verse reimen, und jeder dritte Vers endet auf -ium. So entsteht ein musikalischer, fast meditativer Fluss: ein Thema mit Variationen, dessen Gegenstand der „siebenfältig zierende“ Heilige Geist ist.
Schon im Mittelalter fand der Text weite Verbreitung; für diese frühe Epoche sind mehr als zwanzig Übersetzungen überliefert. Seine liturgische Verwendung ist bis in die Gegenwart hinein bezeugt: Im Missale Romanum von 1970 ist die Sequenz für die Messe am Pfingstsonntag vorgesehen.
Das enge Verhältnis von Form und Inhalt macht den Text zugleich poetisch und katechetisch — er lehrt im Singen und spricht theologisch knapp und dicht.
Inhaltlich kreist die Sequenz um einige christliche Grundwahrheiten: Die Neuerschaffung durch den Geist, die Einwohnung Gottes im Menschen und die Sendung des Geistes als Offenbarer göttlicher Tiefe.
Das Wort von der „Schöpfung aus dem Nichts“ (nihil) evoziert die creatio ex nihilo, wird hier aber weniger als Ur-Schöpfung verstanden denn als fortwährende Neuschöpfung: Der Geist, der schafft, erneuert das Leben der Gläubigen.
Zugleich bleibt die anthrophologische Metapher deutlich: Der „Tempel des Heiligen“ ist der Leib des Menschen (vgl. 1 Kor 6,19; 1 Kor 3,16–17), in dem Gott wohnen will. So verbindet die Sequenz kosmologische, ekklesiologische und personal-religiöse Bilder zu einem kompakten Bekenntnis.
Zentrales theologisches Moment ist die Identifikation des Geistes mit der Gottheit selbst und mit der Liebe. Die neutestamentliche Grundstelle lautet: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm 5,5).
Der Geist erscheint nicht nur als Sendungskraft oder Gabe, sondern als Gegenwart Gottes in seiner innersten Wirklichkeit: Er offenbart die Tiefen Gottes und macht uns fähig, diese Gaben zu empfangen und zu deuten.
So erinnert die Sequenz an Texte wie Jesaja 61,1 (die Salbung des Messias) und an die christologische und pneumatologische Reflexionen des Paulus (1 Kor 2,10–12): Der Geist „erforscht alles“, er ist quasi das Selbstbewusstsein Gottes, das in uns wirkt und uns Anteil gibt an der göttlichen Wirklichkeit.
Kurz: Die Pfingstsequenz verbindet kunstvolle Form mit dichter Theologie. Sie lädt dazu ein, im versenkten Hören den Heiligen Geist nicht nur als Kraft oder Wirken, sondern als personhafte, liebende Gegenwart wahrzunehmen, die erneuert, einwohnt und offenbart.
Hier der Text:
| Latein | Übersetzung |
| Veni, Sancte Spiritus, Et emitte caelitus Lucis tuae radium. Veni, pater pauperum, Veni, dator munerum, Veni, lumen cordium. Consolator optime, Dulcis hospes animae, Dulce refrigerium. In labore requies, In aestu temperies, In fletu solatium. O lux beatissima, Reple cordis intima Tuorum fidelium. Sine tuo numine Nihil est in homine, Nihil est innoxium. Lava quod est sordidum, Riga quod est aridum, Sana quod est saucium. Flecte quod est rigidum, Fove quod est frigidum, Rege quod est devium. Da tuis fidelibus In te confidentibus Sacrum septenarium. Da virtutis meritum, Da salutis exitum, Da perenne gaudium. | Komm, Heiliger Geist, Und sende vom Himmel her Deines Lichtes Strahl. Komm, Vater der Armen, Komm, Geber der Gaben, Komm, Licht der Herzen. Bester Tröster, Süßer Gast der Seele, Süße Erfrischung. In der Mühe bist du Ruhe, In Erregung Mäßigung, Im Weinen Trost. O seligstes Licht, Erquicke das Herzensinnere Deiner Gläubigen. Ohne dein Wirken Ist nichts im Menschen, Ist nichts unschuldig. Wasche, was schmutzig ist, Bewässere, was trocken ist, Heile, was verwundet ist! Beuge, was starr ist, Wärme, was kalt ist, Lenke, was vom Weg weg ist! Gib deinen Gläubigen, Die auf dich vertrauen, Die siebenfache heilige Gabe! Gib der Tugend Lohn, Gib des Heiles Ausgang (Erfolg), Gib beständige Freude! |
| Nachdichtung durch Heinrich Bone 1847 |
| Komm, o Geist der Heiligkeit! Aus des Himmels Herrlichkeit Sende deines Lichtes Strahl! Vater aller Armen du, Aller Herzen Licht und Ruh’, Komm mit deiner Gaben Zahl! Tröster in Verlassenheit, Labsal voll der Lieblichkeit, Komm, du süßer Seelenfreund! In Ermüdung schenke Ruh’, In der Glut hauch Kühlung zu, Tröste den, der trostlos weint. O du Licht der Seligkeit, Mach dir unser Herz bereit, Dring in unsre Seelen ein! Ohne Dein lebendig Wehn Nichts im Menschen kann bestehn, Nichts ohn’ Fehl und Makel sein. Wasche, was beflecket ist, Heile, was verwundet ist, Tränke, was da dürre steht. Beuge, was verhärtet ist, Wärme, was erkaltet ist, Lenke, was da irregeht. Heil’ger Geist, wir bitten dich, Gib uns allen gnädiglich Deiner Gaben Siebenzahl. Spende uns der Tugend Lohn, Lass uns stehn an deinem Thron, Uns erfreun im Himmelssaal |
Pfingstsequenz
Komm herab, o Heil’ger Geist,
der die finstre Nacht zerreißt,
strahle Licht in diese Welt.
Komm, der alle Armen liebt,
komm, der gute Gaben gibt,
komm, der jedes Herz erhellt.
Höchster Tröster in der Zeit,
Gast, der Herz und Sinn erfreut,
köstlich Labsal in der Not,
In der Unrast schenkst du Ruh,
hauchst in Hitze Kühlung zu,
spendest Trost in Leid und Tod.
Komm, o du glückselig Licht,
fülle Herz und Angesicht,
dring bis auf der Seele Grund.
Ohne dein lebendig Wehn
kann im Menschen nichts bestehn,
kann nichts heil sein noch gesund.
Was befleckt ist, wasche rein,
Dürrem gieße Leben ein,
heile du, wo Krankheit quält.
Wärme du, was kalt und hart,
löse, was in sich erstarrt,
lenke, was den Weg verfehlt.
Gib dem Volk, das dir vertraut,
das auf deine Hilfe baut,
deine Gaben zum Geleit.
Lass es in der Zeit bestehn,
deines Heils Vollendung sehn
und der Freuden Ewigkeit.
Amen.
Pfingstsequenz, um 1200, zugeschrieben Stephan Langton, Erzbischof von Canterbury, Übertragung von Maria Luise Thurmair und Markus Jenny 1971

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