Gott lieben- wie geht das?

Mt 22,34-40

Im August vor meiner Haustür entdeckt:
Die Ackerwinde macht es uns vor: Wie ihre Blüte sich dem Licht entgegenstreckt, so beginnt Gottesliebe – im schlichten Empfangen und Staunen.

Manche Sätze verlieren durch ihre Vertrautheit an Gewicht. Wir hören und zitieren sie so oft, bis ihre Kanten sich glätten und kaum noch spürbar ist, welche abgründige Frage in ihnen pulsiert.

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken.“

Der Satz klingt vertraut, fast selbstverständlich – und birgt doch eine lebenslange Erschütterung.
Denn: Wie soll das gehen? Liebe lässt sich nicht verordnen. Sie wächst nicht auf Befehl, und kein Mensch kann ein Gefühl in sich erzeugen, nur weil ein Gebot es ihm nahelegt.

Gerade an dieser Grenze öffnet sich der erste Zugang. Die Liebe, von der Jesus spricht, erschöpft sich nicht in religiöser Innerlichkeit.

Das griechische Wort agapan meint eine wache, verlässliche Zuwendung: die Bereitschaft, sich berühren zu lassen, aufmerksam zu werden, da zu bleiben.

Gottesliebe ist kein gepresster Gefühlsakt, sondern eine Haltung – das eigene Leben für Gott offenzuhalten und sich von ihm ansprechen zu lassen.

Das Vorangehende

Diese Bewegung beginnt nie beim Menschen. Dem eigenen Suchen, Fragen und Ringen geht immer schon ein Angesprochenwerden voraus.

Der Erste Johannesbrief spricht es mit erlösender Einfachheit aus: „Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat.“

In diesem einzigen Satz liegt eine tiefe Befreiung. Gottesliebe muss weder verdient und noch aus eigener Kraft hergestellt werden.

Sie wächst dort, wo ein Mensch sich als geliebt zu begreifen wagt – behutsam, gegen manchen Zweifel, und gerade auch dann, wenn sich kein besonderes religiöses Empfinden einstellt.
Wie ein Kind in der Erfahrung von Nähe und Schutz allmählich Vertrauen lernt, so wächst der Glaube in die Liebe hinein.

Gott zu lieben heißt zuerst: sich von ihm lieben zu lassen.

Der ganze Mensch.

Herz, Seele, Denken
Wenn Jesus von Herz, Seele und Denken spricht, meint er keine abstrakten Kategorien, sondern den ganzen Menschen in seiner ungeteilten Wirklichkeit.

Das Herz ist in der biblischen Sprache die innere Mitte. Hier reifen die Entschlüsse, hier bildet sich das Gewissen.

Gott mit ganzem Herzen zu lieben bedeutet, das eigene Handeln immer wieder an den Fragen auszurichten, die über den Augenblick hinausweisen:

Was dient dem Leben? Was entspricht der Wahrheit? Was bewahrt die Würde des anderen – und die eigene?

Die Seele ist das lebendige Dasein selbst, der Atem, die Existenzkraft.

Gott mit ganzer Seele zu lieben heißt, das Leben als unverdiente Gabe zu empfangen und zugleich Verantwortung dafür zu tragen.

Es heißt, sich als Geschöpf zu wissen: endlich, verletzlich, aber gerufen zum Gestalten und Bewahren.

Das Denken gehört ausdrücklich diese Liebe hinein. Glaube fordert keine gedankliche Unmündigkeit. Er darf fragen, zweifeln, prüfen und sich korrigieren lassen.

Der ehrliche Zweifel gefährdet die Beziehung zu Gott nicht – er zeigt vielmehr, dass wir Gott mehr zutrauen, als den enge gegossenen Bildern, die wir uns von ihm machen.

Die Gestalt einer Antwort

Liebe hat ihrem Wesen nach die Gestalt einer Antwort. Sie erwächst daraus, von einer Zuwendung erreicht zu werden und gibt diesem Empfangen im eigenen Dasein Gestalt.

Dazu gehören auch die Zeiten der Gottesferne und Dunkelheit. Die Psalmen sind voll von Protest, Klage, Anklage und Schweigen. Sie bezeugen, dass wir Gott keineswegs nur mit dem Gelungenen nahe sein können. Auch das Ungeklärte hat seinen Platz in dieser Beziehung.

Wer Gott seine Ratlosigkeit hinreicht, hält das Gespräch offen – selbst dann, wenn kein Trost spürbar wird.

Der Nächste als Prüfstein

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Jesus bindet die Gottesliebe und Nächstenliebe so unlösbar aneinander, dass sie einander auslegen.
Die Liebe zu Gott erhält im Umgang mit dem anderen ihre konkreten Hände und Füße.

Sie wird sichtbar in der Geduld mit dem, der anders denkt; im Respekt vor dem, der fremd bleibt; in der Bereitschaft, sich von einer Not, unterbrechen zu lassen.

Und das Gebot schließt das eigene Leben mit ein: „wie dich selbst“. Das ist keine Aufforderung zum egozentrischen Kreisen um sich selbst. Es ist die Erlaubnis, das eigene Dasein als von Gott bejaht anzunehmen.

Man kann den Satz auch so verstehen: Liebe deinen Nächsten als einen, der dir gleicht. Auch er lebt mit Hoffnungen und Ängsten, mit Verletzungen und dem tiefen Wunsch, wirklich gesehen zu werden.

Wer sich selbst mit Wahrhaftigkeit begegnet – mit all den eigenenBrüchen und Schatten- muss den anderen nicht mehr rasch verurteilen oder auf eine Rolle festlegen.

Die Gottesbeziehung wird zum Schutzraum, in dem wir nicht perfekt sein müssen, um angenommen zu sein.

Aus dieser Versöhnung wächst eine eine mildere, weitere Aufmerksamkeit für die Welt

Eine Übung des Empfangens

Wie geht es also, Gott zu lieben?
Es beginnt mit einer Einübung ins Empfangen:

auf das zu horchen, was uns im Alltag anruft;

im eigenen Denken Raum zu lassen für das, was größer ist als unsere eigenen Gewissheiten;

Gott auch in der Stille und Enttäuschung der nicht aus dem Gespräch auszuschließen;

und im Menschen gegenüber jenes Geheimnis wahrzunehmen, in dem Gottes eigene Wirklichkeit aufscheint.

Gottesliebe ist keine religiöse Höchstleistung. Sie ist eine leise, verändernde Bewegung, die das ganze Leben durchsäuert und prägt: sich lieben zu lassen, um die Liebe weiterzugegeben.

Wer liebt, schenkt dem anderen Gott.

Es gilt also, die christliche Weltformel „Gott ist Liebe“ in mein Bewusstsein aufzunehmen. Die Welt ist Wort der Liebe Gottes an uns. Jeder Augenblick der Welt ist Augen- Blick der Liebe Gottes.

Die Welt ist nicht der Steinhaufen zusammenhangloser Zufälle, nicht die blinde Vollstreckung eines selbsttätig ablaufenden Weltgesetzes, nicht bloß das Produkt einer Reihe von innerweltlichen Ursachen.

Die Welt behält ihre Rätsel und Dunkelheiten. Alles, was nicht aufgeht, was schal und hässlich, was schuldig und verstrickt, was umlösbar und unerträglich ist – auch dort begegnet und der Augen- Blick des am Kreuz verlassenen Sohnes.

Es gibt keine Situation und keine Erfahrung in der Welt, die aus der Weltformel herausfallen könnte:

„Wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat: Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1 Joh 4,16)

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert