
Mt 22,15–21 / Silberdenar des Kaisers Tiberius, regierte 14-37 n.Chr. Aufschrift: TI CAESAR DIVI AVG F AVGVSTVS (Tiberius Cäsar Sohn des göttlichen Augustus, Augustus / Rückseite: PONTIF MAXIM ( Pontifex Maximus – höchster Priester), sitzende weibliche Figur, Personifikation des Friedens oder Livia, Mutter des Tiberius
Eine Falle im Tempel
Am Anfang steht eine Falle. Die Pharisäer schicken ihre Jünger zusammen mit den Anhängern des Herodes zu Jesus, Leute also, die sich sonst wenig zu sagen haben und nun ein gemeinsames Ziel verbindet.
Ihre Frage ist so gestellt, dass jede Antwort ihn treffen muss: „Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht?“ Sagt er Ja, steht er vor dem Volk als einer da, der sich mit der Besatzungsmacht arrangiert hat. Sagt er Nein, kann man ihn bei den Römern als Aufrührer anzeigen.
Jesus geht auf dieses Entweder-Oder nicht ein. Er lässt sich eine Münze zeigen, und bezeichnend ist schon, dass seine Gegner sie bei sich tragen, mitten im Tempelbezirk.
Auf dem Denar war das Bild des Kaisers Tiberius geprägt, dazu eine Umschrift, die ihn als Sohn des göttlichen Augustus feierte.
„Wessen Bild und Aufschrift ist das?“, fragt Jesus, und sie antworten: „Des Kaisers.“ Dann spricht er den Satz, der seither unzählige Male ausgelegt und nicht selten missbraucht worden ist:
„So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“ (Mt 22,21)
Das Bild auf der Münze
Die Münze darf zu dem zurückkehren, dessen Bild sie trägt. Den Anspruch ihrer Umschrift aber rückt Jesus mit einem einzigen Satz zurecht, denn göttlich ist allein Gott.
Wer mit der Bibel lebt, hört im Wort vom Bild zudem einen Klang, der bis an den Anfang der Schrift zurückreicht: „Gott erschuf den Menschen als sein Bild“ (Gen 1,27).
Was also trägt das Bild Gottes? Der Mensch selbst. Er ist gleichsam die Münze, auf die Gott sein eigenes Antlitz geprägt hat, und wer Gott geben will, was Gott gehört, kommt dabei unweigerlich bei sich selbst an.
Wenn ein fremdes Bild uns prägt
In meiner Praxis begegne ich immer wieder Menschen, die jahrelang ein fremdes Bild getragen haben. Sie wollten so sein, wie andere sie haben wollten, zuerst die Eltern, später ein Partner oder ein Vorgesetzter.
Sie haben dabei gut funktioniert, wie eine Münze, die von Hand zu Hand geht und überall angenommen wird. Irgendwann spüren sie, dass sie den Kontakt zu sich selbst verloren haben, weil Scham oder eine frühe Verletzung das eigene Bild überdeckt hat, manchmal bis zur Unkenntlichkeit.
Für sie liegt in diesem Evangelium eine große Entlastung. Unter allen Bildern, die wir uns im Lauf des Lebens angeeignet haben oder die uns aufgedrängt wurden, liegt eines, das uns niemand verliehen hat und das uns niemand nehmen kann.
Der Mensch ist Gottes Bild, bevor er irgendetwas geleistet hat. Seine Würde ist älter als jeder Erfolg, und sie überdauert jedes Scheitern.
Die Grenze jeder Macht
Darum hat das Wort Jesu eine Schärfe, die weit über die Steuerfrage hinausreicht. Wo Menschen Macht ausüben, im Staat ebenso wie in einer Familie oder einer Kirche, liegt die Versuchung nahe, über den ganzen Menschen zu verfügen, bis in sein Gewissen hinein.
Jesus zieht hier eine Grenze, die keine Autorität überschreiten darf. Der Mensch gehört in seinem Innersten Gott, und gerade darin gründet seine Freiheit.
Gott geben, was Gott gehört
Bleibt die Frage, die Jesus seinen Zuhörern offen lässt: Was heißt es, Gott zu geben, was Gott gehört?
Eine Münze gibt man aus der Hand, und die Sache ist erledigt. Sich selbst Gott anzuvertrauen, mit der eigenen Freiheit und der eigenen Verwundbarkeit, ist ein Weg, der ein Leben lang dauert.
Er beginnt dort, wo ich meinen Wert aus der Quelle empfange, aus der ich stamme.
Dieser Weg hat eine Kehrseite, die leicht übersehen wird. Wenn jeder Mensch Gottes Bild trägt, dann halte ich, sooft ich einem anderen begegne, etwas in Händen, das mir nicht gehört.
Die Gegner Jesu erkannten auf der Münze sofort das Bild des Kaisers.
Ob wir im Gesicht des Menschen neben uns das Bild Gottes erkennen, gerade dort, wo es verwischt und beschädigt scheint, entscheidet sich an jedem gewöhnlichen Tag.

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