Unbewaffnet und entwaffnend

Zum Friedenstreffen der Religionen in Assisi und zum Evangelium des 30. Sonntags im Jahreskreis (Mt 22,34–40), 2026

Assisi, 27. Oktober 1986: Papst Johannes Paul II. mit Vertretern der Weltreligionen beim historischen Gebetstreffen für den Frieden.

Ein Treffen in der Stadt des heiligen Franziskus

Auf den Tag genau vierzig Jahre nach diesem historischen Aufbruch lädt die Gemeinschaft Sant’Egidio vom 25. bis 27. Oktober 2026 erneut zu einem internationalen Friedenstreffen nach Assisi ein.

​384 offizielle Vertreterinnen und Vertreter von Religionen, Kulturen und Institutionen aus 53 Ländern kommen in der Stadt des heiligen Franziskus zusammen.

Darüber hinaus haben sich mehr als 5.000 Menschen für das Treffen angemeldet: orthodoxe, evangelische und katholische Christen – unter ihnen der Ökumenische Patriarch Bartholomaios –, Muslime und Juden, Buddhisten und Hindus, Menschen aus Politik und Wissenschaft, junge Leute und Geflüchtete. (Papst Leo musste aus gesundheitlichen Gründen leider absagen.)

In vierundzwanzig Gesprächsforen beraten sie darüber, wie Kriege beendet werden können und wie die Welt von ihren Atomwaffen loskommt, wie Migranten und Arme Schutz finden, was aus der bedrohten Schöpfung wird und was das Gebet in einer verwundeten Welt vermag.

Am Abend des 27. Oktober betet jede Gemeinschaft in ihrer eigenen Tradition für den Frieden. Danach kommen alle auf dem Platz vor der Basilika des heiligen Franziskus zusammen.

Unbewaffnet und entwaffnend

Über dem Treffen steht ein Wort, das Papst Leo am Abend seiner Wahl gesprochen hat, als er zum ersten Mal auf die Loggia des Petersdoms trat und den Menschen auf dem Platz einen Frieden wünschte, der unbewaffnet ist und entwaffnend. Wer dieses Wort eine Weile mit sich trägt, merkt, wie es sich mit jedem Mal weiter öffnet.

Ein unbewaffneter Friede verzichtet darauf, sich durch Drohung abzusichern; er geht schutzlos auf den anderen zu und setzt sich damit einem Wagnis aus, das wir im politischen wie im privaten Leben meist scheuen.

Entwaffnend wird ein solcher Friede dort, wo er beim anderen etwas löst: wenn der Gegner, der mit erhobenen Fäusten gekommen ist, mit einem Mal nicht mehr weiß, wogegen er sich eigentlich wehren soll, und die Hände sinken lässt, weil ihm niemand drohend entgegentritt.

Eine Fangfrage und ihre Antwort

Wie ein solcher Friede aussieht, lässt sich am Evangelium dieses Sonntags ablesen. Auch dort tritt jemand mit erhobener Waffe auf, freilich mit einer Waffe aus Worten.

Die Pharisäer haben gehört, dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hat. Sie versammeln sich, und einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, tritt vor, um ihn – wie Matthäus ausdrücklich sagt- auf die Probe zu stellen. Der versteckte Vorwurf: Auf Kosten der Gottesliebe betone Jesus allzu sehr die Zuwendung zu den religiös und gesellschaftlich Ausgegrenzten (Mt 9, 10-13).

Seine Frage nach dem wichtigsten Gebot klingt fromm, und doch ist sie als Waffe gemeint, als Falle, aus der man kaum ohne Blöße herauskommt.

Denn wer aus den vielen Weisungen der Tora – die traditionell 248 Gebote für die Glieder des Körpers und 365 Verbote für die Tage des Jahres umfasst – eine einzige heraushebt, scheint alle anderen herabzusetzen.

Jesus antwortet mit zwei Sätzen aus der Schrift seiner Fragesteller, die jeder fromme Jude von Kindheit an kannte:

Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken – so steht es im Buch Deuteronomium; und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst – so steht es im Buch Levitikus.

Mit diesen Worten gibt Jesus dem Fragenden zurück, was ihm selbst heilig ist. Eben darin liegt die entwaffnende Kraft seiner Antwort. Er stellt sich auf den Boden, auf dem auch der Fragende steht, und zeigt ihm, dass dieser Boden trägt und dass an den beiden Geboten das ganze Gesetz und die Propheten hängen wie eine Tür an ihren Angeln.

Damit ist im Kern schon gesagt, was in Assisi geschieht: Menschen ganz verschiedener Herkunft suchen den Boden, auf dem sie gemeinsam stehen können, ohne dass einer seinen Glauben verleugnen muss.

Franziskus beim Sultan

Was Jesus mit seiner Antwort tut, hat Jahrhunderte später ein Mann aus Assisi mit seinem ganzen Leib gewagt. Dass das Friedenstreffen in seiner Stadt stattfindet, hat seinen guten Grund, denn in diesem Jahr gedenkt die Kirche des achthundertsten Todestages des heiligen Franziskus. Von ihm wird eine Begebenheit erzählt, die das Motto des Treffens beinahe vorwegnimmt.

Im Jahr 1219, während des Fünften Kreuzzugs, belagerte ein christliches Heer die ägyptische Hafenstadt Damiette.

Ägypten war unter den Ayyubiden das Machtzentrum der islamischen Welt im Nahen Osten. Die Kreuzfahrer wollten die Stadt erobern, um sie als Pfand gegen Jerusalem einzutauschen.

Mitten in diesem Krieg ging Franziskus mit einem einzigen Gefährten, ohne Waffen und ohne Geleitschutz, über die Linien hinüber ins Lager des Sultans al-Malik al-Kamil.

Was die beiden miteinander gesprochen haben, wissen wir nicht genau, aber die Quellen berichten, dass der Sultan den kleinen Bruder aus Assisi freundlich empfangen und unversehrt wieder hat ziehen lassen.

Beendet hat diese Begegnung den Krieg damals nicht. Und doch ist sie im Gedächtnis der Christenheit länger lebendig geblieben als die Namen der Feldherren, weil in ihr etwas sichtbar wurde, das stärker ist als jede Belagerung: ein Mensch, der sich wehrlos macht und gerade dadurch den anderen erreicht.

Die Waffen in uns

Die großen Fragen von Krieg und Abrüstung werden in Assisi verhandelt, und wer nicht dort ist, kann wenig mehr tun, als mit seinem Gebet daran teilzunehmen.

Das Wort vom entwaffnenden Frieden reicht aber weiter – hinein in unsere Häuser und in die verborgenen Winkel der Seele.

Jeder kennt seine eigenen Waffen: das schnelle Urteil, das letzte Wort, das wir unbedingt behalten wollen, den kühlen Rückzug, mit dem wir einen anderen bestrafen, oder die Ironie, hinter der wir uns verschanzen.

Meist greifen wir zu ihnen, wenn wir uns selbst bedroht fühlen. Wer innerlich mit sich im Krieg liegt, rüstet nach außen auf.

Darum steht im Gebot Jesu dieses unscheinbare „wie dich selbst“. Die Liebe zum Nächsten wächst aus einem Grund, auf dem einer sich selbst als gehalten erfährt -als jemand, der nicht ständig um seinen Platz kämpfen muss.

Wer sich von Gott mit ganzem Herzen geliebt weiß, kann die Deckung sinken lassen. In dieser Gewissheit liegt die verborgene Ordnung des Doppelgebots: Aus der Liebe, die wir empfangen, wächst die Freiheit, dem anderen unbewaffnet gegenüberzutreten.

Vielleicht lässt sich in diesen Tagen, während in Assisi gebetet wird, eine einzige Waffe ablegen: in einem Gespräch, das seit langem schwierig ist; in einer Familie, in der ein alter Streit schwelt; oder bei einem Menschen, dem wir lieber aus dem Weg gehen.

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