Gut Ising, Sonntag, 11. Oktober 2026, mit Les Trompes de Bavière
Evangelium: Mt 6,25–34
Liebe Gemeinde Gottes hier auf Gut Ising,
die Hörner, die wir eben gehört haben, sind für den Wald gebaut. Ihr Klang sollte über weite Strecken tragen, die Jäger zusammenrufen und am Ende dem erlegten Wild die letzte Ehre erweisen.
Heute erklingen sie im Gottesdienst – und die Musik der Jagd verwandelt sich in Gotteslob. In dieser Verwandlung steckt bereits die Geschichte, um derentwillen wir hier versammelt sind.
Viele von Ihnen kennen die Legende des heiligen Hubertus. Ein junger Adliger, ein leidenschaftlicher Jäger, stürzt sich nach dem frühen Tod seiner Frau umso maßloser in die Jagd, als könnte er im Hetzen des Wildes dem eigenen Schmerz davonlaufen.
An einem Karfreitag in den Ardennen, so erzählt die Legende, verfolgt er einen mächtigen Hirsch, bis das Tier plötzlich stehen bleibt, sich umwendet und ihn ansieht. Zwischen seinem Geweih leuchtet das Kreuz. Der Gejagte blickt den Jäger an – und in diesem Blick hält ein ganzes Leben inne.
In den vergangenen Jahren habe ich an dieser Stelle über Hubertus gesprochen. In diesem Jahr möchte ich ihm einen Bruder zur Seite stellen, dessen 800. Gedenktag die Kirche am vergangenen Sonntag gefeiert hat: Franz von Assisi.
Die beiden haben einander nie gekannt, fünfhundert Jahre liegen zwischen ihnen, und doch ähneln sich ihre Wege auf erstaunliche Weise.
Auch Franziskus war ein junger Mann aus gutem Haus, Sohn eines reichen Tuchhändlers. Auch er war ein Jäger – freilich einer, der dem Ruhm nachjagte, Ritter werden wollte und in den Krieg zog.
Und auch seine Umkehr begann mit einer tiefen Begegnung: Er traf auf einen Aussätzigen, vor dem ihm graute, stieg vom Pferd und küsste ihm gegen allen Abscheu die Hand.
Von da an sah Franziskus die Welt mit anderen Augen. Er nannte die Sonne (il sole) seinen Bruder und das Wasser (l’aqua) seine Schwester.
Er predigte den Vögeln, und eine der schönsten Erzählungen über ihn handelt von einem Wolf, der die Stadt Gubbio in Angst und Schrecken versetzte.
Die Bürger griffen zu den Waffen; Franziskus ging dem Tier allein entgegen. Er sprach es als „Bruder Wolf“ an und fragte, was es treibe – und die Antwort war der Hunger.
Daraus erwuchs ein merkwürdiger Friede: Die Leute von Gubbio versprachen, den Wolf zu füttern, und der Wolf versprach, niemandem mehr etwas zuleide zu tun. Bis an sein Lebensende, so heißt es, ging er von Tür zu Tür, und selbst die Hunde bellten ihn nicht mehr an.
Man mag diese Geschichte für ein frommes Märchen halten. Mich berührt an ihr, dass Franziskus hinter der Bedrohung nach dem Bedürfnis fragt.
Was uns gefährlich erscheint, trägt oft einen Hunger in sich, den wir noch nicht verstanden haben – beim Tier, beim fremden Menschen und nicht selten in uns selbst.
Wer diesen Hunger erkennt, findet manchmal zu einer Ordnung, in der beide leben können, wo vorher nur Abwehr möglich schien.
Hubertus und Franziskus erzählen beide von einem Augenblick, in dem ein Tier aufhört, bloß Beute oder Bedrohung zu sein, und zum Gegenüber wird.
Der Hirsch schaut den Jäger an, der Wolf hört dem Heiligen zu.
In beiden Fällen verändert sich zuerst der Mensch. Das Tier bleibt, was es ist. Der Mensch aber begreift, dass er mit ihm in einer gemeinsamen Schöpfung steht, die ihm anvertraut ist.
Im Evangelium haben wir gehört, wie Jesus seine Zuhörer auf die Vögel des Himmels und die Lilien des Feldes blicken lässt.
Er schickt sie gleichsam in die Schule der Geschöpfe, die nicht säen und nicht ernten und dennoch leben.
Franziskus hat diese Worte beim Wort genommen. Wer ihm darin folgt, kann von den Tieren eine Gelassenheit lernen, die uns über all unserem Sorgen und Sammeln abhandengekommen ist.
Unter uns sind heute viele, die mit Tieren leben und arbeiten – manche als Reiter, manche als Jäger.
Gerade Sie wissen, wie viel von dieser Haltung in der alten Tradition der Waidgerechtigkeit aufbewahrt ist. Etwa im „letzten Bissen“, den der Jäger dem erlegten Tier in den Äser legt, als Zeichen der Achtung vor einem Leben, das er genommen hat.
Darin lebt eine Ahnung von dem, was Franziskus Bruder und Schwester nannte: dass das Leben eines Geschöpfes einen Wert besitzt, der weit über unseren Nutzen hinausreicht.
Hier auf Gut Ising, wo Pferde zu Hause sind und der Herbst gerade über das Land und den See zieht, dürfen wir uns an diesem Morgen fragen, wo die Schöpfung uns heute anschaut.

Vielleicht im Blick eines Pferdes, das uns seit Jahren trägt, oder im Blick eines Menschen, an dem wir bisher achtlos vorbeigegangen sind.
Hubertus ist stehen geblieben, Franziskus ist vom Pferd gestiegen. Beide haben dabei etwas verloren – der eine seine Beute, der andere seinen Ruhm.
Und beide haben ein Leben gewonnen, das weiter reichte als alles, wonach sie gejagt hatten.
Wenn nachher die Hörner wieder erklingen, mögen sie uns daran erinnern, dass auch unser Leben eine solche Wende finden kann: vom Jagen zum Staunen, vom Haben zum Danken.

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