Herausgerufen

Lothar Katz

Zur Lazarusgeschichte (Johannes 11)


Im Johannesevangelium wird erzählt, wie Jesus erfährt, dass sein Freund Lazarus gestorben ist. Er kommt zu spät — vier Tage nach dem Tod. Das Grab ist verschlossen, ein Stein davor. Die Schwestern trauern. Die Umstehenden zweifeln.
Dann geschieht etwas Unerwartetes: Jesus weint. Nicht als Distanzierter, der Trost spendet. Als einer, den es wirklich trifft.
Und dann ruft er — laut, mit Namen: „Lazarus, komm heraus.“
Der Tote kommt. Noch in den Grabtüchern gewickelt, das Gesicht verhüllt. Und Jesus sagt zu den Umstehenden: „Löst ihm die Binden. Lasst ihn gehen.“
Wer dieser Geschichte zum ersten Mal begegnet — oder ihr skeptisch gegenübersteht —, dem mag das Herauskommen des Lazarus unglaubhaft oder rätselhaft erscheinen. Das ist verständlich. Aber die Geschichte hat eine zweite Ebene, die sich dem Wunderbaren entzieht: Sie beschreibt etwas, das wir von innen kennen. Die Orte in uns, die wir versiegelt haben. Die Stimme, die uns trotzdem ruft. Und die Menschen, die uns helfen, die alten Hüllen abzulegen.
Der folgende Text sucht genau diesen Zugang — nicht auf der Ebene des Außergewöhnlichen, sondern auf der Ebene der inneren Erfahrung. Er ist keine Deutung von außen. Er ist der Versuch, in die Geschichte hineinzusteigen — und zu sehen, was sie über uns weiß.

I. Das versiegelte Haus

Es gibt Orte in uns, da riecht es nach Stillstand.

Türen, die wir vor Jahren zuschlugen.

Steine, die wir selbst vor unsere Hoffnungen rollten —

weil das Warten irgendwann unerträglicher wurde

als die Stille dahinter.

Wir nannten es Vernunft.

Wir nannten es Schutz.

Es war ein langsames Verstummen.

II. Die Erschütterung des Anderen

Die Wende beginnt nicht mit einer Formel.

Sie beginnt dort, wo jemand vor der Festung steht

und nicht wegschaut.

Nicht mit Trost kommt er.

Mit Erschütterung.

Mit dem Zorn der Liebe auf das,

was uns gefangen hält —

einem Beben, das tief genug geht,

um die Risse im Stein zu finden.

Das ist kein stilles Mitgefühl.

Das ist: Ich sehe, was dich hält.

Und ich halte es aus, es zu sehen.

III. Die persönliche Anrede

Die Freiheit hat einen Namen.

Deinen.

Kein allgemeines Prinzip.

Kein »Man müsste mal«.

Ein Ruf, der durch die Schichten der Verbitterung dringt —

der dich bei dem packt, was du selbst vergessen hattest:

»Komm heraus.«

Nicht, weil du fertig bist.

Sondern weil die Enge dir nicht entspricht.

IV. Die fremden Hände

Das Licht ist das Eine.

Die Fesseln sind das Andere.

Man tritt ins Freie — und schleppt das Alte mit.

Die Wickel der Gewohnheit.

Das Tuch der Scham vor dem Gesicht.

Niemand befreit sich ganz allein.

Es braucht Hände, die neben einem stehen —

die den Mut haben, zu berühren,

was man selbst nicht mehr anfassen kann.

Die einem die alten Hüllen abnehmen,

ohne zu fragen, warum man sie so lange trug.

V. Das Wagnis des ersten Schritts

Die vertraute Dunkelheit zu verlassen

für eine Helligkeit, die noch fremd ist —

das ist vielleicht die größte Übung des Lebens.

Nicht zu wissen, wie das Draußen sich anfühlt.

Und trotzdem einen Schritt zu tun.

Weil man gespürt hat: Ich werde gerufen.

Weil man gehört hat, wie der eigene Name

so gesagt wurde, dass man wußte:

Er meint mich. Genau mich.

Die Totenruhe ist vorbei.

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