Eine Deutung zu Johannes 11, 1–45
I. Das befremdliche Zögern
Jesus liebt Lazarus. Das steht ausdrücklich im Text — eine der wenigen Stellen, an denen Johannes das Wort „liebte“ für eine konkrete Person verwendet. Und dann — er bleibt zwei Tage, wo er ist. Er kommt nicht.
Dies ist der erste theologische Stachel des Textes. Die Liebe verzögert sich. Die Hilfe kommt zu spät. Lazarus stirbt.
Viele Gläubige kennen dieses Schweigen Gottes. Gebete in schwierigen Situationen – die Antwort bleibt aus. Vergebliches Warten. Der Mensch, den man liebt, stirbt.
Und dann noch die Zuspitzung in dem Satz im Evangelium:“ Diese Krankheit führt nicht zum Tod, sondern zur Verherrlichung Gottes.“ Im Moment des Sterbens zu hören, ist das unzumutbar, ja empörend. Ob ein solcher Satz erst im Rückblick verstehbar wird — wenn überhaupt?
II. Marta: Die Theologin des Schmerzes
Marta läuft Jesus entgegen. Maria bleibt sitzen — in der Starre der Trauernden, die sich nicht bewegen kann.
Marta sagt: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.
Das ist Vorwurf, Klage und Glaube zugleich. Sie beschreibt in aller Deutlichkeit: Du warst nicht da. Er ist gestorben. Ich sage dir das ins Gesicht.
Und dann, im selben Atemzug: Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben. Das ist Glaube unter extremem Druck — ein Glaube, der die Realität nicht leugnet, sondern diese ins Gespräch bringt.
Jesus antwortet mit dem kühnsten Ich-bin-Wort des Johannesevangeliums: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“
Er sagt nicht: Es wird eine Auferstehung geben. Oder: Am letzten Tag wird alles gut. Sondern: Ich bin es. Jetzt. Hier. Vor dir.
Marta antwortet mit einem Glaubensbekenntnis – vollständiger noch als das des Petrus bei den Synoptikern:“ Ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll“.
Eine Frau. In der Trauer. Sie spricht das aus, worum die Jünger (und wir?) noch ringen.
III. Maria: Die Tränen und die Erschütterung
Maria sagt dasselbe wie Marta — Wort für Wort: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben. Dieselbe Klage. Und sie fällt ihm zu Füßen dabei.
Und dann geschieht etwas Unerwartetes.
Jesus sieht sie und die Juden weinen. Und der Text sagt: er war im Innersten erregt und erschüttert. Das griechische Wort — enebrimēsato — lässt fast Zorn erahnen: ein Ergrimmt-sein, ein Beben von innen. Kein stilles Mitgefühl. Eine Erschütterung.
Und dann: „Da weinte Jesus“. Ein ergreifendes Bild.
Der, der die Auferstehung und das Leben ist — weint. Der Schmerz der anderen trifft ihn wirklich. Weil Liebe nicht über den Schmerz hinwegsieht, sondern in ihn hineingeht.
Ein Gedanke, der tief nachdenklich macht: der Schmerz Gottes? Hier ist keine göttliche Unberührtheit. Ein Gott, der sich erschüttern lässt.
Das ist die johanneische Antwort auf die Theodizeefrage — kein Argument, sondern eine Träne.
IV. Das Grab und der Stein
Es war eine Höhle, die mit einem Stein verschlossen war.
Johannes beschreibt das Grab des Lazarus mit denselben Worten, mit denen er später das Grab Jesu beschreiben wird. Das ist kein Zufall. Lazarus-Geschichte und Ostergeschichte sind ineinandergefaltet.
“Nehmt den Stein weg”.
Marta zögert:“ Er riecht schon — es ist der vierte Tag“. Das ist die nüchterne Realität des Todes. Vier Tage. Im Orient. Im Sommer. Der Verfall hat begonnen. Es gibt keine Illusion mehr, dass er nur schlafen könnte (wie Jesus es sagt).
Und genau in diese Nüchternheit hinein spricht Jesus in einem fast befremdlichen Tonfall: “Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen“?
Der Stein muss weggenommen werden — von Menschenhänden. Das Neue kommt nicht ohne menschliche Mitwirkung. Gott wartet darauf, dass wir die Steine wegrollen.
V. Das Gebet vor dem Ruf
Jesus betet laut — nicht für sich, sondern wegen der Menge, die um mich herumsteht, damit sie glauben. Er macht sein Gebet transparent. Er zeigt, woher er kommt. Er öffnet den Zusammenhang zwischen sich und dem Vater — damit die Umstehenden hineinsehen können.
Und dann — der Ruf:
„Lazarus, komm heraus!“
Kein Ritual. Keine Formel. Vielmehr ein Name und ein Imperativ.
Die Theologie der Auferstehung im Johannesevangelium ist nicht abstrakt — sie ist personal. Gott ruft beim Namen. Das Neue entsteht nicht aus einer allgemeinen Kraft, sondern aus einer Anrede. Du. Komm!
VI. Noch gebunden — und schon draußen
„Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt.“
Er kommt heraus — aber er kann sich noch nicht bewegen. Er lebt — und ist noch gebunden. Das ist das Bild des Menschen, der aus dem Tod gerufen wurde und dennoch die alten Hüllen noch trägt.
„Löst ihm die Binden — und lasst ihn weggehen.“
Wieder ist die Gemeinschaft gefragt. Die Auferstehung ist kein Soloprogramm. Das neue Leben braucht Hände, die die alten Hüllen abnehmen.
VII. Was bleibt
Auch wir kennen Bereiche in uns, die wie versiegelt sind. Hinter Stein. Schon zu lange. Schon riechend, schon aufgegeben von uns selbst.
Lazarus, komm heraus —das ist das Wort, das in jede versiegelte Kammer gesprochen wird.
Nicht laut. Nicht mit Fanfare.Mit einem Namen.
Und mit der Bitte an die Umstehenden: Löst ihm die Binden.
Es gibt eine Trauer, die schwerer wiegt als die Trauer um den Tod.
Die Trauer um das Leben, das hätte sein können.
Es gibt Menschen, die Jahre in einer Art Un-Leben wie im Grab liegen und nicht heraustreten (können).
Weil die Binden so lang saßen, dass sie sich wie Haut anfühlten.
Weil die, die sie liebten, sie — ohne es zu wissen — festhielten.
Johannes erzählt nicht, was nach der Auferweckung geschah. Ob Lazarus eine Frau fand. Ob er Betanien verließ. Ob die Schwestern loslassen konnten. Das Evangelium endet mit dem offenen Bild: ein Mensch, der herausgetreten ist — noch gebunden — andere sollen ihn freigeben und aus der Bindung lösen.
Und Lazarus hat das Herausgerufenwerden vernommen. Oder besser: die Wirkung des Rufs, ein neues Leben zu beginnen, an sich erfahren.

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