Bibeltext: Lukas 19,28-40 / Der Einzug in Jerusalem
Innerhalb des Palmsonntagsgottesdienste zeigt uns der Evangelist Lukas einen König, der auf einem Esel reitet und über Jerusalem weint – Matthäus zeigt uns, wohin dieser Weg führt.
I. Der Esel
Ein König kommt. Aber nicht so, wie Könige kommen.
Kein Pferd. Kein Waffenglanz. Keine Parade. Ein Esel — jung, noch ungeritten. Matthäus zitiert eigens den Propheten Sacharja, als ob er sagen wollte: Das ist kein Zufall. Das ist Absicht.
Was für ein Bild von Macht ist das?
Einer, der auf dem Schwächsten reitet — und damit etwas sagt, das keine Tribüne braucht. Keine Zuschauer, die applaudieren müssen. Keine Stärke, die sich selbst beweisen muss, weil sie sich ihrer nicht sicher ist.
Macht, die sich selbst entleert. Ankunft, die schon im Zeichen des Abschieds steht.
Die Menge jubelt. Aber vielleicht jubelt sie dem falschen Bild — weil sie ein anderes erwartet hatte. Eines mit Pferden. Mit Glanz. Mit der Gewissheit, dass jetzt jemand kommt, der aufräumt.
II. Sie wissen nicht, wen sie feiern
„Wer ist das?“ fragt die Stadt.
Und die Menge antwortet: Der Prophet aus Nazareth.
Nicht: der Messias. Nicht: der Sohn Gottes. Der Prophet. Aus Nazareth — als ob die Herkunft das Wichtigste wäre.
Sie feiern jemanden, den sie nicht kennen. Mit echten Kleidern auf dem Boden. Mit echten Rufen. Die Begeisterung ist wirklich — aber sie trifft nicht, wen sie meint.
Matthäus schreibt: Die ganze Stadt wurde erschüttert. Das Wort, das er verwendet — griechisch: σείω bzw. ἐσείσθη (eseisthe)— ist dasselbe, das er für Erdbeben benutzt. Keine Feststimmung. Ein Beben.
Vielleicht ist das die ehrlichste Beschreibung von Begeisterung: dass sie erschüttert, bevor sie versteht. Dass sie jubelt — und dabei ahnt, ohne es zu wissen, dass etwas Unwiederbringliches beginnt.
III. Er reitet ein – und bricht in Tränen aus.
Gerade noch der Jubel der Menge, die Mäntel auf dem Weg, das Hosanna. Und dann, auf der Höhe des Ölbergs, mit dem ersten Blick auf die Stadt: Tränen.
Matthäus kennt den triumphalen Einzug. Lukas allein kennt diesen Moment des Weinens.
„Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was zum Frieden dient“.
Was folgt, ist eine Prophezeiung von erschreckender Präzision: Belagerungswall, Zerstörung, kein Stein bleibt auf dem anderen.
Die Historiker lesen darin – zurecht – die Ereignisse des Jahres 70 n.Chr., als Titus Jerusalem dem Erdboden gleichmachte.
Aber der weinende Blick vom Ölberg hat eine seltsame Zeitlosigkeit. Städte können immer noch sterben an der Unfähigkeit zu erkennen, „was zum Frieden dient“.
Prophezeiungen können eine Grammatik des Scheitern beschreiben, die sich wiederholt.
Der weinende Jesus – ob er immer noch dort auf dem Ölberg steht?
——
Szenen aus der Matthäuspassion
IV. Bevor es beginnt
Es gibt einen Moment, bevor alles kippt.
Jesus sitzt noch am Tisch. Das Brot ist gebrochen. Der Wein geteilt. Und er sagt etwas, das die Jünger nicht hören wollen — dass einer von ihnen ihn verraten wird.
Sie fragen nicht: Wer? Sie fragen: Bin ich es etwa?
Das ist der eigentliche Beginn der Passion. Nicht im Garten. Hier. In der Frage, die jeder für sich stellt — leise, nach innen. Die Unsicherheit darüber, wozu man selbst fähig wäre.
V. Der die Hand mit mir in die Schüssel eintunkt
Dieses Detail ist von einer erschütternden psychologischen Dichte. Dieselbe Hand, die im gemeinsamen Essen mit den Fingern womöglich die Finger des Anderen berührt, ist ein Moment höchster Vertrautheit. Der Verrat geschieht nicht in der Distanz, sondern im Zentrum der Nähe. Das Destruktive kommt oft nicht aus einer fremden Welt, sondern erwächst aus dem Innersten einer gemeinsamen Geschichte.
VI. Nach dem Mahl: Der Kuss, der zu viel war
Judas küsste ihn. Aber Matthäus schreibt: er küsste ihn sehr.
(Matthäus 26,49. : κατεφίλησεν (katephilēsen). Die Vorsilbe „kata“ bedeutet hier, dass Judas Jesus leidenschaftlich, wiederholt oder theatralisch geküsst hat. Als ob in der Geste etwas gutgemacht werden sollte, was sie gleichzeitig vollzieht.
Wir kennen das. Die Umarmung, die zu fest ist. Das Wort, das zu viel erklärt. Wenn die Geste größer wird als das, was sie trägt — dann stimmt etwas nicht. Dann arbeitet sie gegen sich selbst.
VII. „Und alle Jünger verließen ihn und flohen.“
Kein Name. Kein Zögern. Keine Abstufung. Alle — in einem einzigen Satz. Nach drei Jahren.
Matthäus gibt ihnen keine Entschuldigung. Keine Erklärung. Nur diesen Satz — und dann sind sie weg. Was es bedeutet, in einem einzigen Satz zu verschwinden, weiß vielleicht nur, wer selbst einmal so verschwunden ist. Oder wer jemanden so hat verschwinden sehen.
VIII. Ein Satz. Eine Frau.
Sie bleibt namenlos – die Tradition nennt sie Claudia Procula, aber Matthäus verschweigt ihren Namen, als ob die Anonymität zur Botschaft gehörte. Sie ist Heidin, Römerin, Außenstehende – und sie weiß es, bevor die Jünger es begreifen.
Der Traum als Erkenntnisform. Als ob Gott im Schlaf der Seele näher kommt als im wachen Kalkül der Macht. Während ihr Mann Pilatus auf dem Richterstuhl sitzt, schickt seine Frau ihm eine Botschaft: „Lass die Hände von diesem Gerechten! Ich habe heute Nacht seinetwegen viel gelitten im Traum.“(Matthäus 27,19)
Die Frau spricht unbewusst Theologie. Pilatus liest die Botschaft – und wäscht sich die Hände. Der Traum seiner Frau ändert nichts. Die einzige, die öffentlich für Jesus eintritt in dieser Stunde, ist eine Frau, die ihn nie gesehen hat – und die niemand hört.
IX. Das zerrissene Gesetz
Der Hohepriester zerriss seine Kleider.
Das war ihm verboten. Das Gesetz, das er hütete, untersagte ihm genau diese Geste. Im Moment der höchsten religiösen Empörung bricht er das Gesetz, das er verteidigt.
Er merkt es nicht. Oder er merkt es — und kann nicht anders.
Das ist vielleicht die subtilste Form der Selbstentlarvung: wenn man im Namen der Ordnung die Ordnung verletzt. Wenn die Empörung größer wird als das, wofür man steht.
X. Die geschlossene Tür
Judas kehrt zurück. Wirft das Geld in den Tempel. Sagt laut, was er getan hat: Ich habe unschuldiges Blut verraten.
Die Priester antworten — sachlich, fast bürokratisch: Was geht uns das an? Das ist deine Sache.
Er kommt mit etwas, das vielleicht Reue ist. Und trifft auf eine geschlossene Tür.
Was danach kommt, ist nicht nur Verzweiflung. Es ist die Einsamkeit dessen, der mit dem Schwersten allein gelassen wird. Der Moment, wo jemand anklopft — und niemand aufmacht.
XI. Die, die blieben
Am Ende stehen Frauen da. Von weitem.
Matthäus nennt ihre Namen — als ob er sagen wollte: Diese hier soll man nicht vergessen. Sie hatten keinen Auftrag. Keine Rolle. Niemand hatte sie gebeten zu bleiben.
Sie waren einfach noch da.
Das ist keine Heldentat. Es ist etwas Unscheinbareres — und vielleicht Schwereres. Die Treue, die sich nicht ankündigt. Die einfach bleibt, wenn alle anderen gegangen sind.
Schluss: Was die Passion nicht auflöst
Diese elf Momente haben keine Moral. Sie enden nicht mit einer Antwort.
Die Passion endet — am Palmsonntag — noch nicht in der Auferstehung. Sie endet in der Stille nach dem Tod. Im verschlossenen Grab. Im Weggehen der Frauen.
Aber vielleicht ist das die tiefste Zumutung dieses Textes: dass er uns mit dem Unaufgelösten stehen lässt. Mit der Frage, die jeder Jünger in sich gestellt hat — Bin ich es etwa? Und mit der Ahnung, dass aus dieser Frage, wenn man sie aushält, etwas werden kann.
Fürbitten zum Palmsonntag
Herr Jesus Christus,
du bist eingezogen in die Stadt des Jubels
und gegangen den Weg der Hingabe.
Im Vertrauen auf dich bitten wir:
- Für deine Kirche in aller Welt:
dass sie dich nicht nur feiert, sondern dir auch folgt,
wenn dein Weg durch Dunkelheit, Wahrheit und Liebe führt.
A: Wir bitten dich, erhöre uns.
2. Für die Völker, die von Krieg, Hass und Vergeltung gezeichnet sind:
für die Menschen in Angst, für die Verletzten und Vertriebenen,
für alle, die um ihre Kinder und ihre Zukunft bangen.
Lass Gewalt nicht das letzte Wort behalten.
A: Wir bitten dich, erhöre uns.
3. Für die Verantwortlichen in Politik und Diplomatie:
bewahre sie vor Lüge, Zynismus und kalter Berechnung.
Öffne Wege zum Frieden, wo nur noch Härte und Drohung zu herrschen scheinen.
A: Wir bitten dich, erhöre uns.
4. Für die Menschen, die wie in Gethsemane wachen und ringen:
für die Kranken, die Einsamen, die seelisch Erschöpften,
für alle, die Angst haben vor dem, was kommt.
Steh ihnen bei und lass sie nicht allein.
A: Wir bitten dich, erhöre uns.
5. Für uns selbst:
wo wir ausweichen, verleugnen oder verstummen,
schenke uns Mut zur Wahrheit, Treue im Kleinen
und ein Herz, das dem Frieden dient.
A: Wir bitten dich, erhöre uns.
6. Für unsere Verstorbenen:
führe sie aus aller Enge in dein Licht
und tröste die Trauernden mit der Hoffnung auf dein Leben.
A: Wir bitten dich, erhöre uns.
Abschlussgebet
Barmherziger Gott,
du hast deinen Sohn nicht dem Untergang preisgegeben,
sondern durch Leiden und Tod hindurch zum Leben geführt.
Stärke auch uns auf diesem Weg
und lass aus der Finsternis dieser Welt
kein Ende, sondern einen Anfang werden.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
Amen.

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