Werft noch einmal eure Netze aus

Bibeltext: Johannes 21, 1-14

​Die Flucht ins Vertraute

​Sie sind zurückgekehrt. An den See, in das Boot, in die vertrauten Handgriffe, die genau wissen, was zu tun ist. Petrus sagt: „Ich gehe fischen“. Das ist kein Verrat an Ostern. Es ist das, was Menschen tun, wenn das Unbegreifliche vorüber ist und das nackte Leben weitergehen muss.

​Der Mensch greift nach dem Gewohnten – nicht, weil es ihn erfüllt, sondern weil es ihn vor der unerträglichen Schwebe schützt: der Schwebe zwischen Karfreitag und Ostern, zwischen einer verlorenen Vergangenheit und einer noch namenlosen Zukunft.

Manchmal arbeiten wir, um nicht fühlen und nachdenken zu müssen. Und zu alldem bleibt das nächtliche Tun erfolglos. Johannes notiert es ohne jeden Kommentar: „In jener Nacht fingen sie nichts“.

Keine Vertröstung, keine Erklärung. Die Leere steht einfach da. Es gibt Stunden, in denen Erfahrung, Können und pure Anstrengung nicht mehr tragen.

​Die Gegenwart am Ufer

​Sinn lässt sich nicht produzieren wie etwas Machbares. Man tut, was man immer getan hat, und spürt doch schmerzhaft, dass das Wesentliche fehlt. Fehlender Sinn kann zermürben.

​Als es Morgen wird, steht jemand am Ufer. Die Jünger erkennen ihn nicht – auch das ist von einer großen, existenziellen Wahrheit. Der Auferstandene ist da, noch bevor wir seiner inne werden.

Er steht am festen Grund des Ufers, dort, wo Ankunft möglich wäre. Die Jünger aber befinden sich noch draußen im Schwanken der Wellen und der Mühsal der Arbeit.

​Seine erste Frage ist von einer fast zärtlichen Schlichtheit: „Kinder, habt ihr etwas zu essen?“. Im Griechischen steht paidia – ein Kosewort, kein Vorwurf.

Er beginnt nicht mit einer theologischen Abhandlung oder einer Anklage des Versagens. Er spricht den Mangel an, ganz menschlich, ohne zu beschämen.

Auferstehung beginnt oft genau damit: Dass einer die Leere beim Namen nennt, ohne uns darin zu verurteilen. Gott überspringt unseren Mangel nicht; er geht in ihn ein.

​Die kleine Wendung

​Dann das Wort: „Werft das Netz auf die rechte Seite“. Ein unscheinbarer Satz, fast banal.

Die Jünger müssen nicht das Meer wechseln oder ihre Existenz neu erfinden. Aber sie werden gerufen zu einer kleinen, entscheidenden Wendung. Das Netz auf die andere Seite auszuwerfen, ist für Erfahrene eine Zumutung – es widerspricht jeder bisherigen Praxis.

​Hier ist ein Umdenken, ein Umlernen gefragt. Die österliche Wandlung geschieht oft dadurch, dass wir dieselbe Wirklichkeit mit anderen Augen ansehen. Ein Perspektivenwechsel. Es ist ein Hören anstelle des bloßen Machens.

Und plötzlich füllt sich das Netz – 153 Fische. Diese Zahl ist kein Zufall. In der Gematria, der jüdischen Zahlenmystik, nach der die Buchstaben auch einen Zahlenwert haben, ist 153 die Summe der Zahlen von 1 bis 17. Die 17 wiederum entspricht dem Zahlenwert des Gottesnamens JHWH (1+5+6+5).

Die Wirklichkeit wird hier „er-zählt“: Die Fülle im Netz trägt den Namen Gottes in sich. Sie ist nicht erarbeitet, sie ist gottgewirkt.

​Erkennen und Handeln

​Der Lieblingsjünger erkennt zuerst: „Es ist der Herr“. Die Liebe sieht tiefer als die bloße Funktion. Wahrheit wird oft erst gespürt, bevor sie verstanden werden kann. Petrus reagiert anders: Er wirft sich ins Wasser.

Nicht als Held, sondern vielleicht aus einer tiefen Scham heraus. Wasser trägt nicht aus eigener Kraft – das musste er schon einmal schmerzhaft erfahren. Doch Petrus ist einer, der fähig ist, umzulernen und zu folgen.

Er ist es, der schließlich die schweren Netze an Land zieht. Es ist genau diese zupackende Energie, die es braucht: Eine Sache nicht im Ungefähren zu lassen, sondern sie „in trockene Tücher“ zu bringen.

​Das Feuer der Vergebung

​Am Ufer brennt ein Kohlefeuer. Johannes wählt hier präzise das Wort anthrakia – dasselbe Wort, das das Feuer beschrieb, an dem Petrus Jesus in der Nacht des Verrats verleugnet hatte.

Das ist kein Zufall, sondern Absicht. Petrus steht wieder an einem Feuer. Derselbe Geruch, dieselbe Wärme, dieselbe Ungeschütztheit. Doch diesmal erwartet ihn kein Verhör. Diesmal liegt Fisch auf der Glut.

​Hier liegt die wohl schönste Wendung: Der, dessen Wort die Netze füllte, ist von deren Fang gar nicht abhängig. Er hat bereits bereitet, was sie brauchen. Noch bevor sie mit ihrem vollen Netz ankommen, brennt das Feuer bereits.

So viele Menschen leben unter dem stillen Diktat, erst etwas leisten zu müssen, um angenommen zu sein. Diese Szene bricht diesen Zwang. „Kommt her und esst“. Jesus bedient sich nicht ihrer – er bedient sie.

Es ist kein liturgischer Gottesdienst, und doch ist alles eucharistisch: das Geben, das Empfangen, die Gegenwart dessen, der größer ist als jedes Wort.

​Das Wort, das mitgeht

​Manche Worte hört man zunächst nur von außen – als Überschrift oder flüchtige Zeile. Erst Jahre später versteht man, dass sie ein Wegweiser waren.

Als ich 2005 von Mannheim auf die Fraueninsel wechselte, schrieb der Mannheimer Morgen: „Werft nochmals eure Netze aus – Das Institut für Religion und Psychotherapie zieht um auf die Fraueninsel im Chiemsee“. Damals war es Journalismus; heute klingt es wie eine Verheißung des Evangeliums.

​„Noch einmal die Netze auswerfen“ – das ist kein Wort für Anfänger. Es ist ein Wort für jene, die bereits eine Geschichte haben, die Brüche kennen und Karfreitage hinter sich lassen mussten. Christus verlangt nicht, dass wir so tun, als hätte es das Bisherige nicht gegeben. Er löscht unsere Geschichte nicht aus, aber er lässt uns nicht darin gefangen.

Er sagt nicht: „Es ist vorbei“, sondern: „Noch einmal. Noch einmal Vertrauen“. ​Vielleicht braucht es dieses Wort gerade heute.

Für jene, die fürchten, ihre Fruchtbarkeit liege in der Vergangenheit. Für die Müden, die nur noch auf leere Netze blicken. Das Evangelium verspricht: Gerade dort steht der Auferstandene bereits am Ufer. Der Morgen beginnt. Und das Feuer brennt schon.

Kommentare

Eine Antwort zu „Werft noch einmal eure Netze aus“

  1. Avatar von Anneliese Feldmeier-Burkardt
    Anneliese Feldmeier-Burkardt

    Diese Auslegung der Frohen Botschaft ist durchgehend Frohe Botschaft 🤗
    Noch einmal die Netze auswerfen, noch einmal vertrauen, im Bewusstsein, daß ER uns erwartet. Mit Wärme, mit Fisch und Brot!
    Danke Lothar ✨️

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