Du winkst mir

Vor mehr als vier Jahrzehnten bin ich auf dieses Gebet gestoßen. Jahr für Jahr bete ich es im Gottesdienst — besonders am Sonntag nach Ostern, wenn das Evangelium von der Erscheinung des Auferstandenen hinter verschlossenen Türen erklingt und von der Einladung an Thomas, ihn mit dem Fingerspitzengefühl des Geistes zu berühren.

Der Verfasser ist John Henry Newman (1801–1890) — anglikanischer Theologe, Konvertit, Gründer des Birminghamer Oratoriums, Kardinal und seit 2019 Heiliger der katholischen Kirche.

Das Gebet entstammt seinen Meditations and Devotions, die 1893, drei Jahre nach seinem Tod, erstmals veröffentlicht wurden. Die Texte entstanden über Jahrzehnte am Oratorium — ein genaues Entstehungsjahr ist nicht überliefert, dürfte aber in die 1850er bis 1870er Jahre fallen.

Die vorliegende Übersetzung weicht bewusst von der akademischen Fassung ab und folgt einer älteren, poetischeren deutschen Tradition.

Gebet

John Henry Newman · aus: Meditations and Devotions (postum 1893)

„Gott allein“

„Ich bete Dich an mit Thomas,
mein Herr und mein Gott „‚


und wenn ich, wie er, früher durch Unglaube gesündigt habe,
so bete ich Dich jetzt desto tiefer an.
Ich bete Dich an, weil Du allein anbetungswürdig und glorreich bist,
besonders in Deiner Erniedrigung,
in Deiner Verachtung durch die Menschen
wie in Deiner Verehrung durch die Engel.

Mein Gott und mein Alles.“Dich haben heißt alles besitzen,
was ich besitzen kann.

Ewiger Vater, gib mir Dich selbst.

Ich würde eine so kühne Bitte nicht wagen,
und sie wäre eine Vermessenheit von meiner Seite,
wenn Du mich nicht dazu ermutigt
und das Wort mir in den Mund gelegt hättest.

Du hast Dich mit unserer Natur umkleidet,
bist mein Bruder geworden,
des Todes gestorben, wie die anderen Menschen,
nur auf unvergleichlich furchtbarere Weise,
damit wir nicht von Ferne furchtsam Dich anzuschauen brauchen,
sondern uns vertrauensvoll Dir nahen können.

Du sprichst mit mir,
wie Du mit Thomas gesprochen hast,
und winkst mir, Dich zu berühren,
wie er es getan hat.

Mein Gott und mein Alles,

was könnte ich mehr sagen,
wenn ich eine ganze Ewigkeit sprechen sollte?

Mein Herz ist voll
und fließt über von allem Guten,
wenn ich Dich besitze.
Aber ohne Dich bin ich nichts,
ich verwelke, zerfalle
und gehe zugrunde.

Mein Herr und mein Gott. Gib mir Dich selbst
und sonst nichts. …

Mein Leben soll nur ein Gebet zu Dir sein...,ein Wandel in Deiner Gegenwart, eine volle Hingabe an Dich in der Heiligen Gemeinschaft des Brotbrechens.“


Betrachtung

Lothar Katz

Du winkst mir, Dich zu berühren

Nicht mit erhobenem Zeigefinger,
nicht mit dem strengen Gestus, mir, dem Zweifler eindeutige Beweise zu liefern.

Deine Liebe lädt ein, meine zögerliche Verhaltenheit, mein besserwissendes Abwinken zu überwinden. Den vermeintlichen Sicherheitstrakt rationalistischen Denkens aufzubrechen.

Mit dem Unbekannten, Numinosen zu ‚rechnen‘, heißt nicht, das Unbegreifliche erklärbar und handhabbar zu machen.
„Si comprehendis, non est Deus“ (Augustinus von Hippo) „Wenn du begreifst, ist es (gewiss) nicht Gott.“

Und doch gibt der Auferstandene einen Wink.

Das neue, ewige Sein als Liebe. Er verbirgt dabei nicht,
was ihn das Lieben gekostet hat.

Seine Auferstehungswirklichkeit ist geprägt von den Malen der Hingabe.

Mit höchster Verwunderung lese ich die ihm zugefügten Wunden als Zeichen seiner Liebe, die Schmerz und Leid zu überwinden vermag.

Seine Herrlichkeit integriert das Irdische. Sie hebt verwandelnd unsere Lebensgeschichten mit all ihren Erfahrungen in die göttliche Sphäre hinein: die herrlich-schönen wie auch die schmerzlich-leidvollen.

Er winkt mir, zu ihm zu kommen, mit allem, was mich ausmacht und was das Leben aus mir gemacht hat.

So ‚geht‘ offenbar Glauben.

Wir haben die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt und geglaubt “ (1 Johannes 4, 16).

Jede falsche Scheu ist überwunden. Meine Hand streckt sich nicht nach Gewissheit aus, sondern nach IHM.

Du sprichst mit mirwie Du mit Thomas gesprochen hast.

Das ist eine Einladung zu Nähe
und Vertrautheit. Hinter mir liegt der alte Stolz mit seinem inhärenten Zweifel, seiner absichernden Theo-Logik. Vorbei die fromm klingende und vorgeschobene Betonung der Unwürdigkeit meiner Person. Das Tabu der Berührung angesichts der Heiligkeit.

Indem ich zu Dir hinfinde, finde ich auch zu mir selbst. Du zeigst Dich mir und zeigst mich mir.

Du schenkst mir neu ein Fingerspitzengefühl für Leib, Seele und Geist.

Mein inneres Ohr des Herzens öffnet sich: Deiner Liebe lauschen.

Ob ich jemals eine adäquate Antwort finde?
Erfasst von der Lichtwucht Deiner herrlichen Liebe vielleicht diese: stotternd, anbetend…

Mein Herr und mein Gott!

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert