Wer den Rosenkranz heute betrachtet, begegnet rasch alten Vorurteilen. Ein mechanisches Gebet, ein gemurmelter Singsang im Halbdunkel einer Seitenkapelle, immer dieselben Worte, dieselbe Bewegung der Finger, dieselbe Kreisbahn der Perlen.
Und doch beginnt vielleicht gerade dort eine andere Form der Aufmerksamkeit. Dieses scheinbare Leiern kann zur Lyra werden: zu einem Grundton, der sammelt, zu einem Rhythmus, der öffnet, zu einer Sprache, die weniger erklärt als trägt.
Der Rosenkranz als Gebet schafft einen Raum, in dem das Geheimnis nicht festgehalten, sondern umkreist wird.
Das Vaterunser stellt uns in eine lineare, klare Richtung; der Rosenkranz führt in eine kreisende, spiralförmige Bewegung. Die zehn Wiederholungen eines jeden Geheimnisses werden zu Schritten in einen inneren Raum. Man nähert sich, indem man wiederkehrt und in gewisser Weise insistiert – mit Fingerspitzengefühl.
Die Perlen liegen unter den Fingern wie eine Blindenschrift des Lichts. Wir tasten uns an den Geheimnissen Jesu entlang. Freude, Licht, Schmerz und Herrlichkeit werden berührt.
Nach und nach beginnen auch die eigenen Lebensperlen aufzuleuchten: Stunden, die uns geprägt haben, kostbare und schwere, gesegnete und kaum verstandene.
Im Rosenkranz bleibt der Mensch dem Geheimnis auf der Spur. Der sezierende Verstand tritt zurück. Eine andere Weise des Erkennens wird möglich. Der Mensch versenkt sich und bleibt zugleich wach. Er geht nach innen, um später aus-wendig zu leben: mit einem Wort, einer Geste, einer Haltung, die nicht gemacht ist, sondern gereift.
Im Zentrum dieses kreisenden Geschehens steht Maria. Sie ist keine ferne Figur der Frömmigkeitsgeschichte. Sie ist die Gestalt schöpferischer Empfänglichkeit.
Das Lukasevangelium beschreibt sie mit einem Wort, das aufhorchen lässt: symballein. Maria bewahrt die Worte und Ereignisse nicht als abgeschlossene Erinnerungsstücke. Sie fügt sie innerlich zusammen, betrachtet sie von verschiedenen Seiten, hält sie im Herzen. Sie erwägt tiefer, was sich dem schnellen Begreifen entzieht.
Der Engel nämlich spricht von einem Kind, das Sohn des Höchsten genannt werden soll. Zugleich wird es ihr Kind sein. Ewiger Ursprung und menschlicher Leib, göttliche Verheißung und weibliche Geschichte, Himmel und Haus, Geist und leibliche Geburt — all das findet in ihr einen Ort.
Sie fragt: Wie soll das geschehen?Ihr Verstehen bleibt offen, ihr Inneres wach, ihre Zustimmung frei.
Ihr Fiat (möge es geschehen)ist die Antwort einer Empfänglichkeit, die mitdenkt, mitträgt und sich dem Kommenden öffnet.
Gerade darin ist Maria uns voraus. Sie lehrt, die verschiedenen Ebenen des Lebens zusammenzuhalten und ihnen Zeit zu geben. Sie lehrt ein Denken, das warten kann. Ein subtiles Erwägen, das dem Geheimnis Raum gibt.
So kann unsere Bitte an sie lauten:
Lehre mich, Worten und Geschehnissen, die mich angehen, tiefsinniger nachzuspüren. Nicht grübelnd, sondern im Licht besehen.
Hilf mir, die losen Fäden meines Lebens in einen Zusammenhang zu bringen.
Zeige mir, wie man empfängt und sich gibt, ohne sich zu verlieren.
Wie man bewahrt und sich bewähren kann.
Wie man austrägt, bis etwas zur Sprache findet und so „zur Welt kommt“.
Maria, Du bist „die Mutter des Wortes“.
Im Rosenkranz treten wir in jenen Augenblick ein, in dem der Engel zu ihr spricht. Wir verweilen an der Schwelle, an der Gottes Wort menschliche Geschichte wird.
Wir bitten darum, dass auch wir empfangsbereit werden, empfänglich(ohne Wehleidigkeit und falsche Selbstbezogenheit): für ein Wort, eine Sendung, eine Weise, Christus im eigenen Leben auszutragen.
Um ihn, mit dem und dessen Wort wir schwanger gehen, zum anderen zu bringen, der ebenso auf seine Weise empfangen hat. Wie Maria zu ihrer Base Elisabeth geht und beide Zeit fürs Gespräch miteinander haben. Für das, was ihnen einwohnt und in ihnen heranreift.
Die Bitte also an Maria: Dass mir geschehe, wie ihr geschehen ist.
Diese Dynamik der Innerlichkeit findet nach der Himmelfahrt eine besondere Gestalt. Maria verweilt im Obergemach, mitten unter den Jüngern. Es ist die junge Kirche in ihrer ersten Unsicherheit: wartend, betend, noch ohne Sprache für das, was kommen soll.
Maria hält den Raum offen, den der Abschied Jesu hinterlassen hat. Ihre Gegenwart macht die Abwesenheit bewohnbar. Unter ihrem stillen Schutz sammelt sich eine Gemeinschaft, die noch nicht weiß, wie Kirche geht.
Sie, die das Wort leiblich geboren hat, lehrt nun die Jünger das geistige Gebären. Es ist eine Hebammenkunst, eine Mäeutik, die sie in ihrer Erfahrung gelernt hat. Das Obergemach kann gewissermaßen zum Geburtsraum des Neuen werden. Der an sie verschenkte Gottesgeist wird sie in neue Dimensionen der Wirklichkeit und einen neuen Weltbezug einführen. –
Besonders im Mai wird Maria angerufen. Die Marienlieder dieses Monats haben oft eine Schlichtheit, die man nicht unterschätzen sollte.
Ein altes Marien-Lied bittet:
Segne all mein Denken.
Segne all mein Tun.
Lass in deinem Segen, Tag und Nacht mich ruhn.
Segne, die mir lieb.
Deinen Muttersegen ihnen täglich gib.
Segne alle Herzen.
Segne jedes Haus.
Das ist das Gebet von Menschen, die wissen, dass Denken und Tun, Herz und Haus, das Eigene und das der anderen des Segens bedürfen. Eines Segens, der wie von außen gegeben scheint und innen wirkt. Einer Zuwendung, die uns bewohnbarer und menschlicher macht.
So verbindet die Perlenschnur des Rosenkranzes die großen Stationen des Heils mit den brennendsten Punkten unserer eigenen Existenz: dem Jetzt und der Stunde unseres Todes.
Jetzt: dieser konkrete Augenblick, in dem ich mich nicht ausweichen kann.
Die Stunde unseres Todes: jener letzte Übergang, in dem alles Geliehene zurückgegeben wird.
Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich das Gebet.
Perle um Perle. Atemzug um Atemzug. Es führt tiefer in die verborgene Mitte des Lebens. Wer sich darauf einlässt, sucht keine fertigen Antworten.
Er lernt, selbst zu einem Raum zu werden, in dem das Ewige Gestalt annehmen kann — mitten im Alltag, unter den Händen, im Rhythmus des Herzens.

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