Die Tiefenpsychologie kennt eine Erfahrung, die dem Geheimnis der Himmelfahrt erstaunlich nahekommt. Der Mensch reift durch das Gegenwärtigsein und das Dasein eines anderen. Und er reift ebenso durch eine Abwesenheit, die ertragen werden kann.
Am Anfang allerdings braucht es ein Gehaltenwerden. Eine verlässliche Nähe. Einen Blick, eine Stimme, eine Atmosphäre, in der das Kind spürt: Die Welt trägt. Ich bin gemeint. Ich bin nicht verloren.
Auf diesem Fundament geschieht später etwas Entscheidendes. Die Mutter ist nicht immer da. Ihre Abwesenheit reißt jedoch keinen Abgrund auf, wenn zuvor genügend Halt erfahren wurde. Sie öffnet einen inneren Raum. In dieser Lücke beginnt das Kind, die Mutter in sich zu re-präsentieren: ihren Ton, ihre Ruhe, ihre haltende Qualität. Was vorher außen erfahren wurde, gewinnt im Innern Gestalt.
So entsteht eine Art von Innenraum. Sprache, Worte und ihre Bedeutung treten an die Stelle der bloßen Greifbarkeit. Ein inneres Bild, eine gewisse Vorstellung und Kontur bewahrt die Anwesenheit des anderen – freilich annäherungsweise.
Die Abwesenheit kann zum Raum werden, in dem Denken (als Nachdenken über das Denken) beginnt. Dies ist die Lebensphase, in dem ein Grundvertrauen entsteht. Ebenso wächst die Fähigkeit zur Symbolisierung . Verschiedene Ebenen der Wirklichkeit und der Phantasie unterscheiden und sie dich aufeinander beziehen zu können. Die Wahrnehmung von Ähnlichem bei noch größerer Unähnlichkeit
Vielleicht lässt sich von hier aus etwas vom Geheimnis der Himmelfahrt Christi verstehen.
Die vierzig Tage nach Ostern sind eine Zeit der Nach- und Weiterreifung.
Nach der Katastrophe des Karfreitags stellt Christus den Raum des Haltens wieder her. Er erscheint den Jüngern, spricht sie an, isst mit ihnen, zeigt ihnen seine Wunden, sammelt ihre zerstreute Seele. Er stärkt sie so lange, bis sein kommendes Entschwinden nicht mehr als zweite Katastrophe erlebt werden muss.
Seine Nähe endet nicht. Sie nimmt eine andere Form an.
Himmelfahrt ist die Verwandlung seiner Gegenwart. Die sichtbare Gestalt entzieht sich, damit eine tiefere Gegenwart möglich wird. Die Jünger sollen lernen, ihn nicht mehr nur vor sich zu sehen, sondern in sich zu tragen. Aus der äußeren Begegnung wird innere Zeugenschaft.
Das ist die gewollte Lücke. Der heilsame Entzug. Die Abwesenheit, die nicht zerstört, sondern schöpferisch wird.
„Es ist gut für euch, dass ich gehe.“ Dieser Satz gehört zu den kühnsten Sätzen des Evangeliums. Er widerspricht dem unmittelbaren Empfinden. Für die Liebe scheint es zunächst immer besser zu sein, wenn der Geliebte bleibt. Doch es gibt eine Nähe, die erst durch Loslassen reif wird. Eine Gegenwart, die in der Abwesenheit ihre eigentliche Tiefe entfaltet.
Die Jünger werden dadurch innerlicher. Aus Augenzeugen werden Zeugen. Aus Menschen, die gesehen haben, werden Menschen, die erinnern, verstehen und bezeugen. Das äußere Schauen verwandelt sich in Sprache, in Verkündigung, in geistige Gegenwart.
Jesus geht zum Vater.
Auch das ist entscheidend. Er verschwindet nicht ins Unbestimmte. Er geht in jenen Ur-Grund zurück, aus dem er gekommen ist. Der Vater ist der Raum, in dem dieser Entzug gehalten bleibt. Weil der Sohn zum Vater geht, wird seine Abwesenheit nicht bodenlos. Sie bleibt umfangen.
Die neue Leere ist bewohnbar.
Von hier aus wird Pfingsten verständlich. Der Geist ist die geschenkte Innenseite Christi. Sein Ton. Seine Haltung. Seine Wahrheit. Seine Art, die Welt zu sehen, den Menschen anzurühren, das Verlorene zu suchen und das Verwundete nicht preiszugeben.
Was vorher gegenüberstand, nimmt nun im Inneren Wohnung. Es wird keine psychologische Selbstvergewisserung, kein religiöser Besitz, kein Gefühl, über das man verfügt. Es wird Gegenwart. Tiefer als Stimmung. Verlässlicher als Augenblickserfahrung. Eine Kraft, die auch in Zeiten der Stille bleiben kann.
Vielleicht erklärt das auch unsere eigene Unruhe.
Wir haben die vierzig Tage der sichtbaren Nähe nicht erlebt. Wir haben ihn nicht am See stehen sehen, nicht das Brot aus seiner Hand genommen, nicht seine Stimme im Raum gehört. Und doch gibt es diese Unruhe, dieses Nicht-Genügen am Vorletzten, dieses Wissen, dass die Welt schön sein kann und dennoch nicht reicht.
Augustinus hat dafür den großen Satz gefunden: „Du hast uns auf dich hin geschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.“
Vielleicht ist diese Unruhe selbst schon Spur. Das Suchen, das Brennen, die Weigerung des Herzens, sich endgültig im Vorläufigen einzurichten, trägt eine Erinnerung in sich. Eine Erinnerung an eine Berührung, die tiefer liegt als unser Bewusstsein.
Himmelfahrt heißt dann: Christus entzieht sich der Greifbarkeit, um wesentlicher gegenwärtig zu werden. Er geht aus dem Blick und gewinnt im Herzen Raum.
Was als Gestalt geht, vermag wesentlich zu werden.
Herzensnah.

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