
Über das Gebet und die Unmöglichkeit, es zu beobachten
In Philip Grönings Film „Die große Stille“ gibt es eine Einstellung, die mich nicht loslässt.
Ein Mönch in seiner Zelle. Er betet. Die Kamera bleibt. Lange. Länger, als man es gewohnt ist. Das Bild bewegt sich kaum. Und doch geschieht etwas.
Ich sehe zu — und spüre dabei etwas Merkwürdiges: Berührung und Unbehagen zugleich. Als sähe ich etwas, das eigentlich nicht für Augen bestimmt ist.
Dann dreht sich der Gedanke.
Der Mönch weiß nichts von meinem Blick. Er beobachtet sich nicht. Er ist einfach da. Gerade darin wird er sichtbar: weil er sich vergessen hat.
Jesus selbst hat um dieses Geheimnis gewusst. Er betet mitten unter den Jüngern — und sagt doch: Geh in dein Kämmerlein, schließ die Tür. Beides gehört zusammen: das Gebet, das bezeugt wird, und das Gebet, das sich verbirgt.
„Wenn du betest, geh in dein Kämmerlein, schließ die Tür und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist.“
Mt 6,6
Der Mönch lebt genau das. Die geschlossene Tür. Den Raum, der keine Zuschauer kennt. Und doch — Grönings Kamera bezeugt es — strahlt dieses Verborgene aus. Was sich verbirgt, wird sichtbar. Was sich vergisst, beginnt zu leuchten.
Vielleicht ist das schweigende, wahrhafte Gebets eines Mönchs oder eines spirituellen Menschen eines der wenigen Dinge, die in dieser Welt ein bißchen geistige Gesundheit aufrechterhalten.
Was geschieht mit mir, wenn ich bete?
Ich weiß es nicht genau. Vielleicht ist das die einzig angemessene Antwort. Sich selbst im Gebet zu beobachten hieße, aus dem Gebet herauszutreten. Das beobachtende Ich und das betende Ich können nicht gleichzeitig im Vordergrund stehen. Wer betet und dabei zusieht, wie er betet, ist schon nicht mehr ganz im Gebet.
Gebet ist der Ort, an dem das beobachtende Ich verstummt.
Die Frage „Wie wirke ich?“ verliert ihre Macht.
In unserem Herzen können wir eine stille Kammer des Gebets aufschlagen, wohin wir uns von Zeit zu Zeit zurückziehen, um mit Gott liebende Zweisprache zu halten.
Die Frage : Wer ist der Gott, zu dem ich bete, führt unmittelbar zu der Frage, Wer bin ich, der ich zu Gott beten möchte?
Ich will mich finden, wie ich bin und nicht, wie ich wünsche, dass ich sein sollte.
Augustinus hat das gewusst, lange bevor es Psychologie gab:
„Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.“
Die Ruhe, von der er spricht, ist nicht bloße Entspannung. Sie ist ein Aufhören. Das Herz hört auf, sich selbst festzuhalten. Es hört auf, sich zu prüfen, zu erklären, zu rechtfertigen. Und findet sich — getragen.
D. Winnicott – Kinderarzt und Psychoanalytiker – beschreibt etwas Ähnliches: die Fähigkeit, allein zu sein in Gegenwart eines anderen. Jene tiefe Sicherheit, die entsteht, wenn der andere einen sein lässt. Wenn man nicht leisten, nicht gefallen, nicht reagieren muss. Wenn man einfach da sein darf.
Vielleicht ist Gebet genau das: die Einübung in dieses Da-sein-Dürfen. In der Gegenwart Gottes. Ohne Leistung. Ohne Bericht. Ohne Selbstinszenierung.
Der Mönch in seiner Zelle weiß nichts von den Millionen, die ihn später auf der Leinwand sehen werden.
Er betet.
Die Kamera filmt das Äußere — und berührt dabei das Innerste. Weil sie nicht ein Schauspiel zeigt, sondern einen Menschen, der aufgehört hat, sich selbst darzustellen.
Vielleicht ist das eines der tiefsten Dinge, die über das Gebet gesagt werden können: Es ist der Ort, an dem das Ich, das sich beobachtet, rechtfertigt und beweist, für einen Augenblick schweigt —
und etwas anderes anfängt zu sprechen.

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