Intermezzo: Betrachtet die Lilien des Feldes

Betrachtet die Lilien des Feldes, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen.“ (Mt 6,28–29)

Dieses eine Wort am Beginn verändert alles: Betrachtet. Es beschreibt eine Haltung – ein verweilendes Wahrnehmen, einen Blick, der dem anderen erlaubt, da zu sein, bevor er gedeutet, gebraucht oder bewertet wird.

Jesus spricht diese Worte im Zusammenhang der Sorge. Um Essen, Trinken, Kleidung, Zukunft, Absicherung – also um das, was auch uns täglich beschäftigt.

Sorge gehört zum Leben. Wer liebt, sorgt sich. Und doch kennt Jesus die Stelle, an der Sorge kippt: wenn sie zur inneren Besetzung wird, den Menschen gefangen nimmt, ihn zwingt, sich ununterbrochen selbst hervorzubringen, selbst zu rechtfertigen, selbst zu sichern.

Gegen diese Verkrampfung stellt er die Lilien des Feldes.
Sie produzieren keinen Ertrag, auf den man sich berufen könnte, und verhandeln nicht um Anerkennung. Sie wachsen – aus einer Tiefe, die sie selbst nicht gemacht haben. Sie empfangen Licht, Erde, Wasser, Zeit und entfalten, was in ihnen angelegt ist. Ihr Dasein ist kein Leistungsnachweis. Ihre Schönheit ist einfach da, weil sie empfangen wurde.

Vielleicht liegt genau darin die Zumutung dieses Wortes. Der Mensch meint oft, er müsse seinen Wert beweisen: durch Arbeit, Leistung, Funktion, Erfolg – und selbst im Religiösen kann sich diese Dynamik fortsetzen, als müsse man auch vor Gott noch ein gelungenes Lebensprojekt vorweisen.

Die Lilien erzählen von einer anderen Ordnung: von einem Dasein, das zuerst empfangen und erst danach gestaltet ist, von einer Würde, die vor aller Leistung liegt.
Sorge kann zu einer heimlichen Religion werden. Sie flüstert: Nur wenn du alles kontrollierst, wirst du leben. Nur wenn du dich unentbehrlich machst, hast du Bedeutung.

Das Evangelium antwortet anders: Du bist schon angesehen, bevor du dich bewährst. Du bist getragen, bevor du trägst. Du bist mehr als deine Aufgabe, mehr als deine Rolle, mehr als dein Nutzen.

Die Lilien lehren keine Weltflucht. Sie lehren Gegenwart. Ihr Wachsen geschieht leise, ohne Applaus, ohne Programm – und doch sagt Jesus: Selbst Salomo in all seiner Pracht war nicht gekleidet wie eine von ihnen.

Eine erstaunliche Umwertung: Der König tritt zurück hinter eine Blume am Feldrand. Was im Vertrauen auf seine Quelle wächst, erweist sich als das Tiefste.
Psychologisch berührt dieses Wort eine tiefe Angst: die Angst, ohne Funktion nicht mehr gemeint zu sein, die Angst, dass der eigene Wert schwindet, wenn die eigene Wirksamkeit abnimmt.

Das Evangelium antwortet mit einem Blickwechsel. Die Lilie weiß nichts von Karriere, und doch ist sie herrlich. Sie kennt keine Selbstbehauptung, und doch steht sie aufrecht. Sie verfügt nicht über die Zukunft, und doch wächst sie dem Licht entgegen.

„Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen.“ (Mt 6,34)
Ein Einspruch gegen die Tyrannei des Vorgriffs. Morgen soll nicht heute schon die ganze Seele besetzen, denn Gott ist nicht nur am Ziel – er ist auch im Heute.

Die Lilien blühen nicht lange. Sie sind verletzlich, vergänglich, dem Wechsel der Tage ausgesetzt. Und doch wird gerade an ihnen sichtbar, dass Vergänglichkeit keine Wertlosigkeit bedeutet.

Was vor Gott schön ist, muss vor Menschen keinen Eindruck machen – das ist die stille Wahrheit, gegen die die Lilien anblühen.

Vielleicht beginnt Glaube manchmal genau dort, wo der Mensch aufhört, sich selbst beweisen zu müssen – und wieder lernt, da zu sein.

Vermutlich meinte Jesus nicht unsere Lilie, sondern eine Feldblume des Orients, oft mit der Kronen-Amone in Verbindung gebracht. Auch der Mohn erinnert an die verschwenderische Schönheit des Augenblicks. Eigene Fotos: Toskana, Golf von Barrati.

Kommentare

Ein Kommentar zu „Intermezzo: Betrachtet die Lilien des Feldes“

  1. Avatar von Corinna Noack-Aetopulos
    Corinna Noack-Aetopulos

    Lieber Herr Dr. Katz, lieber Lothar,

    Deine biblischen Deutungen sind für mich so heilsam, wegweisend und ermutigend. Ich lese sie sehr gerne.

    Wie wunderschön auch dieses Intermezzo ist. Man liest ja in den letzten Jahren viel von Achtsamkeit, dass man in der Gegenwart leben soll, ohne zu bewerten, u.v.m. Ein guter Trend, aber manchmal empfinde ich das dann auch eher als eine weitere Aufgabe , der ich genügen muss , um positiv bewertet zu werden. Aber eigentlich weiß ich gar nicht wie das wirklich gehen soll, ohne nicht einfach nur so zu tun als ob. Ich wurde/werde ja pausenlos bewertet, seit ich denken kann und darin geschult alles zu analysieren, zu bewerten, einzuschätzen, mich zu präsentieren, zu optimieren und auch im Zweifelsfall mal so zu tun als ob …..

    Du bringst mir mit dem Intermezzo Wege näher, wie ich das einfach Dasein und Betrachten erfahren kann. Auch mag ich die Deutungen zum Gebet sehr und bin sehr gespannt auf Weiteres. Für all das und die Gemeinschaft im Gottesdienst möchte ich Dir einfach Dankeschön sagen.

    Corinna

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