Das Vaterunser im aramäischen Text der Peschitta, mit Wort-für-Wort-Übersetzung
Dieser Text folgt der Peschitta, der klassischen syrischen Bibelübersetzung aus den ersten nachchristlichen Jahrhunderten. Jesus selbst sprach ein galiläisches Westaramäisch, von dem keine eigenen Textzeugnisse erhalten sind; die Peschitta gehört einem verwandten, östlichen Dialekt an und ist selbst aus dem Griechischen übersetzt. Wer dieses Gebet dennoch laut spricht, berührt einen Klang, der Jesu eigener Sprache näherkommt als jede weitere Übersetzung – getragen von einer ununterbrochenen Gebetstradition syrischer Christen bis heute.
Jede Zeile steht hier viermal: aramäisch, in Lautschrift, Wort für Wort und in freier Übersetzung. Die Lautschrift folgt keiner einzelnen wissenschaftlichen Norm – west- und ostsyrische Traditionen sprechen manche Vokale unterschiedlich (das lange â etwa klingt in der westsyrischen Liturgie oft eher wie ein offenes o); betonte Silben stehen in Großbuchstaben, ch wie im deutschen „Bach“, sch wie im deutschen „Schiff“.
Die Wort-für-Wort-Zeile folgt der üblichen syrischen Morphologie und eignet sich, um die Eigenart der Sprache zu spüren – für eine veröffentlichte Fassung empfiehlt sich der Abgleich mit einer Peschitta-Interlinearausgabe, da die Segmentierung einzelner Wortbestandteile unter Aramäisten nicht immer einheitlich gehandhabt wird.
Abwûn d’bwaschmâja
ab-WUN d’b’wasch-MA-ja Abwûn (Vater-unser) – d’ (der) – b’waschmâja (in den Himmeln)
Vater unser im Himmel
Nethkâdasch schmach
neth-KA-dasch SCHMACH
Nethkâdasch (geheiligt werde) – schmach (dein Name)
Geheiligt werde dein Name
Têtê malkuthach
TE-te mal-KU-thach
Têtê (es komme) – malkuthach (dein Reich)
Dein Reich komme
Nehwê tzevjânach aikâna d’bwaschmâja af b’arha
neh-WE tzev-JA-nach ai-KA-na d’bwasch-MA-ja af b’AR-ha
Nehwê (es geschehe) – tzevjânach (dein Wille) – aikâna (so wie) – d’bwaschmâja (in den Himmeln) – af (so auch) – b’arha (auf der Erde)
Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden
Hawvlân lachma d’sûnkanân jaomâna
hawv-LAN LACH-ma d’sun-ka-NAN jao-MA-na
Hawvlân (gib uns) – lachma (Brot) – d’sûnkanân (das wir nötig haben) – jaomâna (heute)
Gib uns heute das Brot, das wir brauchen
Waschboklân chaubên (wachtahên) aikâna daf chnân schvoken l’chaijabên
wasch-bok-LAN chau-BEN (wach-ta-HEN) ai-KA-na daf ch’NAN SCHVO-ken l’chai-ja-BEN
Waschboklân (und erlass uns) – chaubên (unsere Schulden) – wachtahên (und unsere Verfehlungen) – aikâna (so wie) – daf (auch) – chnân (wir) – schvoken (erlassen) – l’chaijabên (unseren Schuldnern)
Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben
Wela tachlân l’nesjuna ela patzân min bischa
WE-la tach-LAN l’nes-JU-na E-la pa-TZAN min BI-scha
Wela (und nicht) – tachlân (führe uns hinein) – l’nesjuna (in die Versuchung) – ela (sondern) – patzân (errette uns) – min (von) – bischa (dem Bösen)
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern rette uns vor dem Bösen
Metol dilachie malkutha wahaila wateschbuchta l’ahlâm almîn
ME-tol di-LA-chie mal-KU-tha wa-HAI-la wa-tesch-BUCH-ta l’ach-LAM al-MIN
Metol (denn) – dilachie (dein ist) – malkutha (das Reich) – wahaila (und die Kraft) – wateschbuchta (und die Herrlichkeit) – l’ahlâm almîn (in Ewigkeit der Ewigkeiten)
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit
Amên
a-MEN
Amên (es sei so, wahrlich)
Amen
Ein letzter Hinweis: Der Schlussvers „Denn dein ist das Reich …“ (die Doxologie) gehört nicht zum ursprünglichen Matthäustext, – er ist eine frühe liturgische Ergänzung, die sich auch in der römischen Messe wiederfindet, dort aber durch den sogenannten Embolismus vom Vaterunser getrennt ist. In der syrischen Liturgie ist er seit alters mit dem Gebet verwachsen und wird hier deshalb mitgegeben.

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