Wir wagen es zu sagen

Eine Vertiefung zum Vaterunser, nach Joachim Jeremias

Es gab eine Zeit, in der dieses Gebet nicht jedem offenstand. In der frühen Kirche gehörte das Vaterunser zu den heiligsten Schätzen der Gemeinde – Taufbewerbern wurde es erst kurz vor ihrer Taufe anvertraut, und erst im ersten Gottesdienst danach durften sie es selbst mitsprechen. Wer nicht dazugehörte, bekam es nicht zu hören. Noch die römische Messe bewahrt diese Scheu in einem einzigen Wort: Bevor der Priester das Vaterunser anstimmt, heißt es, wir wagen es zu sagen – audemus dicere. Ein Wagnis, kein Selbstverständliches.

Diese Ehrfurcht ist uns weithin abhandengekommen. Wir sprechen das Gebet auswendig, oft ohne hinzuhören, was wir da eigentlich sagen. Wer noch einmal genau hinhört, entdeckt, wie gewagt dieses kleine Gebet tatsächlich ist.

Ein Wort, das Kinder zuerst lernen

Im Aramäischen, der Muttersprache Jesu, beginnen Kinder mit zwei Worten zu sprechen: abba für den Vater, imma für die Mutter. Abba ist kein feierliches Wort. Es ist die familiäre Anrede des Kleinkindes, näher am Lallen als an liturgischer Sprache. Und genau dieses Alltagswort legt Jesus seinen Jüngern in den Mund, wenn sie zu Gott sprechen.

Kein Beter vor ihm hatte gewagt, Gott so anzureden. Das Wort trägt etwas von dem, was bei uns eher mit der Mutter verbunden wird: Nähe, Geborgenheit, das Wissen, gehalten zu sein, bevor man selbst etwas tun muss, um es zu verdienen. Und doch ist diese Anrede bei Jesus kein Allgemeinbesitz. Er nennt Gott „euer Vater“ nach der ältesten Überlieferung nur im Kreis seiner Jünger, nie gegenüber Außenstehenden. Die Gotteskindschaft ist kein Geburtsrecht der Schöpfung. Sie ist Geschenk, gebunden an die Zugehörigkeit zu dem, was Jesus die Königsherrschaft Gottes nennt.

Aus der heiligen Sprache in den Alltag

Die jüdische Frömmigkeit der Zeit Jesu kannte einen festen Rhythmus des Betens: das Schema  oder Sch’ma (hebräisch שְׁמַע) am Morgen und am Abend, die Achtzehn-Bitten am Mittag, ein drittes Gebet am Nachmittag, ein dreiteiliges Tischgebet nach jeder Mahlzeit. All das wurde auf Hebräisch gesprochen, der heiligen Sprache der Schrift, auch von Menschen, die im Alltag längst Aramäisch redeten. Beten geschah in einer anderen Sprache als Leben.

Jesus durchbricht das. Er betet selbst im persönlichen Gebet in seiner Muttersprache, und er gibt seinen Jüngern ein gemeinsames Gebet, das ebenfalls in dieser Muttersprache formuliert ist. Damit nimmt er das Beten aus dem geweihten Raum der heiligen Sprache heraus und stellt es mitten in den Alltag hinein. Wer das Vaterunser betet, muss seine Sprache nicht wechseln, um mit Gott zu sprechen.

Das Brot von morgen, heute

Die erste der beiden Wir-Bitten gilt dem täglichen Brot – im Griechischen ein Wort, epiousios, über das Gelehrte seit Jahrhunderten streiten. Eine plausible Lesart lautet: unser Brot von morgen, gib uns heute. Im Sprachgebrauch der Zeit meinte „morgen“ nicht nur den nächsten Tag, sondern auch jenen großen, letzten Morgen, an dem alles vollendet sein wird – das Brot des kommenden Festmahls.

Wer so betet, wagt etwas Erstaunliches: Er bittet darum, dass dieses ferne, vollendete Morgen schon heute zu schmecken sei. Mitten in einer Welt des Hungers, der Gottesferne, des Wartens, dürfen Jesu Jünger das Heute aussprechen, als wäre die Vollendung schon angebrochen.

Die eine Bedingung

Im ganzen Gebet stellt Jesus seinen Jüngern nur eine einzige Vorbedingung: die Bereitschaft zu vergeben. Keine andere Tugend, kein anderes Opfer wird verlangt – nur diese eine. Und sie soll grenzenlos sein, auch dem Feind gegenüber. Wer für einen anderen bittet, muss ihm zugleich vergeben können. Vergebung ist hier kein Zusatz zum Beten. Sie ist seine Voraussetzung.

Der Schrei, der bleibt

Am Ende dieses Gebets, das so viel Vertrauen wagt – ein Vater, der schon weiß, ein Heute, das schon das Morgen vorwegnimmt – bittet der Beter noch um eines: Bewahrung. Das Vertrauen ist echt, und genau darum bittet selbst der gläubigste Beter noch um diesen Schutz – weil er weiß, wie nah er dem eigenen Abfallen ist.

Darin trifft sich das Vaterunser mit einer anderen Stelle des Evangeliums: dem Schrei eines verzweifelten Vaters, der um das Leben seines kranken Sohnes bangt und Jesus um Heilung anfleht (Mk 9,24). Ich glaube, hilf meinem Unglauben – ruft hier ein Mensch, der um sein Kind ringt, kein himmlischer Vater. Auch wer abba sagen darf, bleibt darauf angewiesen, dass diese Bitte ihn trägt – weiter, als der eigene Glaube reicht.

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