Eine Auslegung zu Psalm 23
In der frühen Christenheit haben in der Osternacht die Neugetauften Psalm 23 zur Vorbereitung auf das eucharistische Mahl gebetet.
Für viele Gläubige ist dieser Psalm über die Jahrhunderte kostbar geworden: in seiner Balance zwischen Sehnsucht und Wirklichkeit, durch seine Einwurzelung in unserer Erfahrung und dem Aufbrechen dieser Erfahrung. auf Gottes Gegenwart hin.
Immanuel Kant bekannte sogar, dass ihm kein anderes Buch diesen Trost geben konnte, den ihm dieses Wort der Bibel schenkte.
In unserer Zeit oft zur religiösen Beruhigungsmusik degradiert oder auf Beerdigungen glattgeschliffen, gewinnt der Psalm in der Übersetzung von Fridolin Stier seine ursprüngliche Rauheit zurück. Es ist kein sentimentaler Text, sondern ein Glaubenszeugnis angesichts existenzieller Gefährdung.
Der unverfügbare Name
„Mein Hirt ist der Herr! (JHWH)“.
Fridolin Stier nutzt den Begriff „Herr“ als Versuch, das unaussprechliche Tetragramm JHWH wiederzugeben – den Gott des Aufbruchs und des Exodus, der am brennenden Dornbusch seine reine Präsenz mitteilt.
Sein Wesen ist es, wirklich und wirksam da zu sein und mitzugehen – unverfügbar.
Das Ausrufezeichen markiert ein Bekenntnis: Hier spricht jemand, der nicht „herrenlos“ ist. Die Macht der Angst und die Tyrannei innerer Treiber verlieren angesichts dieser unverdienten Liebe ihren absoluten Anspruch.
Die Tiefe der Genügsamkeit
„Mir mangelt nichts“ beschreibt die Gewissheit: Das Entscheidende fehlt nicht.
F. Stier übersetzt die Bilder der Ruhe mit einer elementaren Leiblichkeit: „Er lagert mich in grasigen Auen, er führt mich an ruhsame Wasser“.
Heilung beginnt dort, wo das Nervensystem aufhört, Alarm zu schlagen. Die „grasigen Auen“ sind die Wiedergewinnung eines inneren Bodens, auf dem das Leben einfach sein darf.
Die Rückholung des Verlorenen
„Er holt mir das Leben zurück“.
Dies ist der dramatische Kern der Übersetzung. Stier greift tiefer als das gewohnte „Erquicken der Seele“. Wo Kraft durch weite Wege verloren gegangen ist – wo man leer, ausgebrannt oder entfremdet ist –, handelt JHWH als Erneuerer der Lebenskraft.
Gott ist die rettende Gegenwart, die den Menschen in das Zentrum seines Lebens zurückbringt.
Bahnen der Treue
„Er leitet mich in rechten Bahnen – um seines Namens willen“.
Diese Bahnen sind kein moralisches Korsett, sondern Wege, auf denen ein Vorwärtskommen möglich ist; Wege, die nicht im Nirgendwo enden.
Der architektonische Wendepunkt: Vom „Er“ zum „Du“
Mitten in dieser Bewegung vollzieht der Psalm einen tiefgreifenden existenziellen Umschlag. Während der Beter bisher in der dritten Person von Gott sprach – „Er lagert mich“, „Er führt mich“ –, bricht im Angesicht der Gefahr eine neue Unmittelbarkeit auf.
Das „Ich“ im dunklen Tal: Im hellen Gelände lässt sich über Gott dozieren. Doch in den „Todesschattenschluchten“, den kargen Wadis des Lebens, wird das Ich ganz auf sich selbst zurückgeworfen: „Auch wenn ich geh…“. Zugleich formiert sich durch die Gottesbeziehung eine (neue) Identität, eine Stärkung der Person. Ich werde Ich durch IHN.
Die Entdeckung des „Du“: Genau hier wandelt sich die Sprache. Ich werde Ich durch Dich, durch Dein Da-sein: „Denn: Du bist mit mir“. Aus dem Erfahrungsbericht über Gott wird ein Rufen zu IHM. Das „Du“ ist die Antwort auf die Gefährdung; Gott wird als die Gegenwart erfahren, die den Raum zwischen dem Bedrohten und der Bedrohung besetzt.
Die Wehrhaftigkeit Gottes
„Deine Keule und dein Stock, die mutigen mich“. Fridolin Stier wählt das starke Zeitwort „mutigen“. Keule und Stock sind Werkzeuge des Schutzes und der Lenkung. Gott zeigt sich als wehrhaftes Gegenüber, das den Raum besetzt und Widerstand leistet. Diese Bilder entziehen Gott jeder harmlosen Romantik.
Würde im Angesicht der Dränger
Der Tisch wird „den Drängern gegenüber“ gerüstet. Das Leben findet nicht in einer privaten Nische statt, sondern unter den Augen dessen, was uns kleinmachen will und heftig zuletzt. Es sind nicht nur die äußeren Angreifer, es sind die inneren Bedränger. Alte imperative Stimmen, die ewigen Neinsager mit ihren Drohgebärden. Der Mensch sitzt an der gedeckten Tafel nicht als Gejagter, sondern als geehrter Gast und Tischgenosse des Königs. Das Leben wird nicht nur knapp erhalten, es wird hier im üppigen Mahl gefeiert.
Das Haupt wird mit duftendem Öl gesalbt als Ausdruck der Würdigung des Eingeladenen.
Der Wein-Becher ist nicht einfach gut gefüllt, er quillt geradezu über.
Die Umkehrung der Jagd
Der Schluss bei Stier ist kühn: „Nur Gutes und Huld mich verfolgen all meines Lebens Tage“. Normalerweise sind wir Gejagte unserer Erinnerungen, unserer Schuld oder unserer Angst. Der Psalmist kehrt die Dynamik um: Die Gnade, die Güte ist uns sozusagen auf den Fersen. Sie steht hinter uns und geht jeden Weg mit. Sie ist eine Kon-sequenz dank göttlicher Initiative, eine beharrliche Kraft, die uns aufsucht, unserer Spur folgt.
JHWHs Huld, ein veraltetes Wort. Im hebräischen Text steht das kaum übersetzbare חֶ֣סֶד (chäsäd). Es ist die spontane Solidarität, die einem anderen das Leben retten, ermöglichen und fördern will – unter Einsatz aller zur Verfügung stehenden Fähigkeiten: der ganzen Menschlichkeit, von Gott her gesehen der ganzen Göttlichkeit.
„Und ich wohne im Hause JHWHs, solang die Tage währen“. Mein Leben darf in der Nähe Gottes wohnen – inmitten der Zeit.
Psalm 23 verschweigt die Abgründe nicht, aber er verweigert ihnen das letzte Wort. Dieses lautet: Du bist mit mir.

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