Wohin du gehst, wissen wir nicht

Eine Annäherung an Johannes 14,1–12

Dieses Evangelium beginnt in einer Stunde, in der etwas zerbricht.

„Euer Herz lasse sich nicht verwirren.“

Jesus sagt das nicht, um zu beschönigen. Er weiß, dass seine Ankündigung wie ein Blitz eingeschlagen hat: er, die Person, auf den sie gesetzt hatten, will weggehen. Der, auf den sie sich verlassen hatten, verlässt sie.

Geahnt hatten sie es zwar, aber sie wollten es nicht wahrhaben.

Der sie von zu Hause weggeholt hat mit grosser Verheißung, er raubt ihnen jetzt Ihre messianische Hoffnung auf Befreiung – politisch und persönlich. Der Boden Ihrer Existenz bricht weg.

Jesus geht auf ihre Unruhe und Niedergedrücktheit ein. Er spürt, es trifft sie in ihrem Lebenszentrum – im Herzen.

Das griechische Wort für die Emotion, die die Jünger erfasst, meint ein Beben von innen. Ein tiefes Zittern, wenn man merkt, dass man keinen festen Punkt mehr findet.

Wer kennt das nicht? Es braucht keine große Krise. Manchmal reicht ein Satz, der alles verändert. Eine Nacht, in der man nicht schlafen kann, ohne zu wissen warum. Ein Moment, in dem man sich selbst nicht mehr zu kennen meint.

Durch eine Diagnose, eine traurige Nachricht, durch eine Enttäuschung, durch eine Wahrheit, die man lange nicht sehen wollte. Oder wenn unaufhaltsam eine Be-ziehung zerfasert.

Genau da setzt Jesus an:

„Glaubt an Gott und glaubt an mich.“

Er sagt nicht: Reiß dich zusammen. Oder: Es wird schon. Sie sollen an etwas festhalten, das tiefer liegt, als die Erschütterung. Nicht eine Idee. Nicht eine Lehre, sondern: „Habt Vertrauen in mich“.

Ihr glaubt an Gott (Indikativ). So glaubt auch an mich. (Imperativ)

Er zeigt Ihnen eine Zukunfts-Perspektive auf:

„Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.“

Ja, werden wir Heutigen sagen, den Satz kennen wir von Abschiedsfeiern auf Friedhöfen und an letzten Ruheplätzen.

Eine billige Vertröstung? Angesichts des Verlustes von allem, was uns so lieb und teuer war, soll alles wieder gut werden?

Das sind vage, ferne Aussichten! Luftschlösser!

Was Jesus jedoch beschreibt, übersteigt schlichtweg unsere Vorstellungskraft.

Geistig und seelisch öffnet er einen für uns kaum vorstellbaren Raum, den trinitarischen Liebesraum zwischen Vater, Sohn und Geist, an dem wir eingeladen sind teilzuhaben.

Diesen Platz will Jesus durch sein Weggehen bereithalten. Den Raum im innertrinitarischen Lebensaustausch Gottes. Das ist keineswegs wilde, theologische Trinitäts-Spekulation. Auch nicht eine Ausgeburt abseitiger Mystik.

Es sind die ausgezogenen Linien der Worte Jesu im biblischen Kontext. Dieser Beziehungsraum der Hingabe des einen an den andern, Empfang dieser Gabe im selben Geist der Liebe und der Freiheit ist nicht anderswo, in einem Jenseits. Er öffnet sich – da stockt der Atem – inmitten dieser Welt . Und völlig paradox: die Welt wiederum ereignet sich in ihm, dem trinitarischen Gott.

Spätestens da streikt der Verstand und spielt sozusagen nicht mehr mit.

Verständlich, dass hier elementare Fragen aufbrechen.

Thomas fragt — und seine Frage enthält nicht schon insgeheim seine fertige Antwort:

„Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen?“

Er, der ausgemachte Realist, er sagt einfach, was für ihn undenkbar ist. Glaube beginnt oft dort, wo einer an der Grenze zum Nichtglaubenkönnen suchend entlanggeht.

Thomas will wissen, wie Glaube ‚geht‘ und wohin die Schritte führen, wenn das Ziel im Dunkel liegt.

Jesus antwortet darauf nicht mit einer Erklärung. Seine Worte eröffnen eine völlig neue Sicht, die freilich noch mehr irritieren kann. Er bezieht die Frage des Weges und des Wihin auf sich – er personalisiert sie:

„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“

Drei Worte.

Weg — dieser Weg ist nicht kartographiert, auf keiner Landkarte eingezeichnet. Er entsteht unter den Schritten. Es ist keine Route, die man kennt. Jesus meint: Geh hinter mir in meinen Fußstapfen und entdecke: Ich, Jesus, bin die Spur zum göttlichen Geheimnis.

Wahrheit — das klingt nach Theorie. Jesus aber vergegenwärtigt mit seinem „Ich-bin-Satz“ die menschgewordene Nähe des Gottes. In ihm sieht man, wie Gott wirklich ist. Un-verhüllt. Die Wahrheit ist, dass Gott spricht durch sein Wort(griechisch: Logos), das Jesus Christus ist. Er ist der Sinn und die Bedeutung universalen Lebens. Er lädt uns ein, auf seine unergründliche Zuneigung zu antworten. Diese offenbarte Wahrheit wird uns frei machen.

Leben — viele Menschen funktionieren, bewegen sich, arbeiten, planen – um ihr Dasein zu fristen und um überleben zu können. Das erfordert oft große Anstrengungen und einen Einsatz, der früher oder später an die Grenzen des Machbaren stößt.

Dabei ist das Wasserzeichen der Endlichkeit unserer Existenz eingeschrieben samt der Sehnsucht nach einem unendlichen Leben.

Wenn ein Mensch in seinem grandiosen, allmächtig-narzisstischen Streben das Unendliche im Endlichen verorten und hineinzwingen will, droht eine Perversion geschöpflicher Wirklichkeit. Das Böse, die Destruktion tritt auf den Plan.

Jesus spricht hingegen von einem Leben, das von weiter herkommt und nach weiter hingeht. Es ist ein Gottesgeschenk . Solch göttliches Leben erfüllt, belebt, beflügelt und lässt das irdische Leben glücken. Weil es verbunden ist mit dem Ursprung. Erfüllt von göttlichem Geist, der die ganze Schöpfung durchatmet und ewiges Leben erwirkt.

Dann kommt Philippus. Er will Gott sehen. Direkt. Unmittelbar. Der allerletzten Wirklichkeit ansichtig werden. Wissen, was endgültig zählt: „zeig uns den Vater — das genügt uns.“ Eine provokante Forderung! Das ist dreist und ein wenig genüsslich formuliert. Er macht sich (in anderer Lesart) zum Sprecher der Gruppe („uns“), um Druck aufzubauen und seine eigene Forderung als vernünftigen Konsens zu tarnen.

Er setzt die Messlatte fest: „Gib uns diesen einen Beweis, dann geben wir uns (großzügigerweise) zufrieden.“

Und doch ist dies der älteste Wunsch überhaupt: einmal wissen und merken, dass da noch etwas ist. Etwas oder einer ist, der will, dass es mich gibt. Und dass dieses Gehemnis des Ursprungs um mich weiß. Vielleicht ist doch irgendwo Tag?

Philippus sucht das Entscheidende und sieht doch an der Gestalt vorbei, in der es längst gegenwärtig ist. Dabei meint er das Letztgültige und nicht diesen einen Menschen, Jesus, der neben ihm steht – und das nicht mehr lange. Jetz bloß nicht einer Einbildung und Illusion aufsitzen!

Darin ist er dem anderen Jünger, Thomas, verwandt: “ Wenn ich nicht sehe und taste, glaube ich nicht“.

Jesus antwortet — und in seiner Antwort liegt etwas, das ein bisschen wehtut: „Schon so lange bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt?“ Philippus hat gesucht. Aber er hat an Jesus vorbeigesucht. Das Gesuchte war die ganze Zeit da.

Und dann sagt Jesus etwas, das man erst einmal auf sich wirken lassen muss. Man traut seinen eigenen Ohren nicht:

„Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und der Vater in mir ist?“

Ein unerhörter Satz, der die Vorstellung eines Philippus sprengen muss – zumal auf dem Hintergrund des jüdischen Glaubens an den einen Gott.

Dessen Namen er nur mit allergrößter Ehrfurcht ausprechen will, um ihn in seiner Einzigartigkeit und Unfassbarkeit zu ehren.

Dessen Bild, besser Bildlosigkeit, lässt keinerlei Zweitheit zu – und sei es ein noch so göttlicher Mensch neben ihm. Da kann er prinzipiell nicht mehr folgen.

Mit dieser Philippusfrage wird sich die Kirche in ihrer Etablierung und Absetzung von der jüdischen Synagoge in den ersten Jahrhunderten ihrer Geschichte auseinandersetzen müssen.

Wer ist Jesus Christus? Wie lässt sich das Verhältnis zwischen ihm, dem historischen Jesus und dem unsichtbaren Urgrund von allem, dem „Vater“, mit aller Kraft des Denkens glauben?

Und wer ist der Heilige Geist, den Jesus und der Vater uns senden wird (Pfingstgeschehen)? Wie ist der eine Gott in drei ‚Personen‘ vorstellbar? Als Glaube an die Liebe?

Am Ende sagt Jesus noch etwas Weitreichendes: Wer an ihn glaubt, wird größere Dinge tun als er.

Was in ihm sichtbar wurde von Gottes Wesen und Wirken soll weitergehen. In vielen. Überall.

Vielleicht sind das die größeren Werke: nicht Wunder im alten Sinn. Sondern, dass Menschen in ihrem Miteinandersein so leben, dass das ‚Mehr‘ an Lebenssinn, Freude und Hoffnung die neue Qualität ihrer Beziehungen ausmacht.

Dass das ‚Meer‘ der Liebe Gottes sich in unserem Fleisch und Blut verleiblicht . In menschlichen Worten, Blicken, Gesten, Haltungen und Taten. Nicht überzogen, nicht aufgebläht, mit falschem Sendungsbewusstsein. Nein, ganz schlicht, authentisch, unangestrengt.

Möge Christus durch und in uns Hand und Fuss bekommen – durch Raum und Zeit.

So hat Gott seine Geschichte in unserer Geschichte. Ewigkeit mitten in der Zeit. Absolute Sein im Werden der Welt.

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