
Vom Mut zur zweiten Bewegung | Gedanken zu Matthäus 21,28–32
Das Gleichnis von den beiden Söhnen wirkt auf den ersten Blick erschreckend schlicht. Ein Vater bittet seine Söhne um Hilfe im Weinberg; der eine sagt Nein und geht dann doch, der andere sagt Ja und bleibt zu Hause.
Wer sich so in Gehorsame und Verweigerer sortiert sieht, sträubt sich zu Recht, denn unser Leben verläuft selten in klaren Kategorien.
Wir kennen das Für und Wider, die Ambivalenz der Verhältnisse und jene Müdigkeit, die sich einstellt, wenn man ständig abwägen muss.
Wo also findet sich ein Mensch in dieser Erzählung wieder, der weder den rebellischen Verweigerer noch den angepassten Schein-Sohn spielen möchte?
Heute Morgen am Telefon hat mir ein guter Freund aus Hamburg, Strafverteidiger mit einem gewitzten Blick für die Reizpunkte und Abgründe des Lebens, darauf eine Antwort gegeben, die ich nicht vorhergesehen hatte.
Als ich ihm das Gleichnis erzählte, meinte er schmunzelnd, es gebe doch noch eine dritte Möglichkeit: den Weinberg gar nicht erst zu betreten und den Wein nach der Lese einfach zu genießen oder zu kaufen.
Die Haltung des Gastes hat ihren Charme und ihr gutes Recht, und ich werde am Ende auf sie zurückkommen.
Das freundliche Ja
Der zweite Sohn steht uns näher, als es zunächst scheint. Sein sofortiges „Ja, Herr“ wird gern als Heuchelei gelesen; wer genauer hinsieht, erkennt darin eine Schutzstrategie, die viele Menschen beherrschen, lange bevor sie sie durchschauen.
Ein ehrliches „Ich will nicht“ hätte Spannung erzeugt, während das schnelle Ja Harmonie herstellt, den Vater beruhigt und dem Sohn das Gefühl sichert, auf der richtigen Seite zu stehen.
Er möchte der gute Sohn sein, doch weil dieses Ja in ihm selbst keinen Grund hat, folgt ihm keine Tat. Sein späteres Wegbleiben lässt sich deshalb als leiser Protest verstehen, als eine Verweigerung, die das Risiko einer offenen Auseinandersetzung scheut.
Der österreichische Dichter Peter Turrini hat diesen Vorgang in einem kurzen Gedicht beschrieben, in dem ein lange gedachtes, nie ausgesprochenes Nein im Körper brennt, bis es schließlich als freundliches Ja über die Lippen kommt.
Das Nein das ich endlich sagen will
ist hundertmal gedacht
still formuliert
nie ausgesprochen.
Es brennt mir im Magen
nimmt mir den Atem
wird zwischen meinen Zähnen zermalmt
und verlässt
als freundliches Ja meinen Mund.
Wo das eigene Nein auf diese Weise verschluckt wird, bleibt dem Ja keine Kraft; es vermeidet den Konflikt, verfehlt dabei die eigene Wahrheit und führt darum auch nicht in den Weinberg.
Darin liegt eine feine Tragik, denn man kann eine moralische oder religiöse Wahrheit genau kennen und nach außen vertreten, während man innerlich keinen Schritt von der Stelle kommt.
Das ehrliche Nein und die späte Einsicht
Der erste Sohn wählt den unbequemeren Weg. Sein „Ich will nicht“ ist ungeschminkt und sperrig, und gerade darin liegt seine Ehrlichkeit; menschliche Freiheit reibt sich oft zuerst an einem Widerstand, bevor sie weiß, wohin sie will. Den eigentlichen Wendepunkt markiert der unscheinbare Satz, der danach folgt: „Später aber reute es ihn und er ging hinaus.“
Das Wort, das im Neuen Testament für Reue und Umkehr steht, heißt Metanoia und meint wörtlich ein Umdenken, Darübernachdenken, eine Wandlung der Wahrnehmung.
Wer in diesem Sinn bereut, gestattet sich eine Korrektur, ohne sich dafür selbst verurteilen zu müssen. Der erste Sohn verharrt nicht in seinem Widerstand. Er lässt den Ruf des Vaters ein zweites Mal an sich heran, betrachtet sein eigenes Nein mit etwas Abstand und bricht auf.
Echte Bewegung beginnt häufig an einer Bruchstelle, dort, wo ein Mensch spürt, dass etwas in ihm nicht mehr zusammenpasst, und es sich eingesteht.
Die Linie, die knapp daneben neu ansetzt
In meiner Praxis hängt ein Bild, das diese Dynamik mit wenigen Mitteln sichtbar macht. Feine Linien scheinen ein Rechteck bilden zu wollen, einen stabilen Rahmen, doch sie treffen sich nicht, brechen ab und setzen knapp daneben neu an.
Eine makellos durchgezogene Linie würde dem glatten Funktionieren gleichen, das seine Spannung verbirgt; die Lebendigkeit dieses Bildes entsteht an den Bruchstellen und in den Neuansätzen.
Hinzu kommt ein Mittelpunkt, den niemand eingezeichnet hat und den das Auge bei jedem Betrachten neu suchen muss.
Mit unserem Leben und unserem Glauben verhält es sich ähnlich: Die Mitte will immer wieder gefunden werden, gerade dann, wenn eine alte Gewissheit zerbricht und ein neuer Schritt gewagt wird.
Die offene Stelle
Von hier aus wird auch Jesu Zuspitzung verständlich: „Die Zöllner und die Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr.“ Jesus verklärt die Außenseiter damit keineswegs, und ihr Leben beschönigt er auch nicht.
Was sie von den religiös Korrekten unterscheidet, ist ihre Bereitschaft, sich treffen zu lassen. Sie besaßen kein gesellschaftliches oder religiöses Gewand, hinter dem sie sich hätten verbergen können, ihr Scheitern lag offen zutage, und eben deshalb hatten sie etwas, das den Frommen abhandengekommen war: eine offene Stelle.
Wer sich für unversehrt hält, braucht keinen Arzt; wer um seine Wunden weiß, bleibt empfänglich für Heilung.
Die zweite Bewegung
Liest man das Gleichnis als Beschreibung von Bewegungen, die in jedem von uns stattfinden, verliert es seine Strenge. Der erste Impuls entscheidet dann über wenig. Entscheidend wird, ob wir zu einer zweiten Bewegung bereit sind, zu einem Umdenken, das oft spät kommt und gerade darin sein Gewicht hat.
Gott begegnet uns mit Vorliebe dort, wo wir nicht glänzen, wo unsere geglätteten Entwürfe unterbrochen werden und die Linie knapp daneben neu ansetzt.
Und der Gast am Rand des Weinbergs? Ihm sei sein Glas von Herzen gegönnt. Wer aber einmal selbst zwischen den Rebstöcken gearbeitet und erlebt hat, wie aus eigener Mühe etwas reift, wird den Wein anders schmecken, und vielleicht ist es genau dieser Geschmack, zu dem der Vater seine Söhne hinausschickt.
Präfation: Der Gott des Werdens und der dynamischen Nähe
Priester: Der Herr sei mit euch.
Gemeinde: Und mit deinem Geiste.
P: Erhebet die Herzen.
G: Wir haben sie beim Herrn.
P: Lasset uns danken dem Herrn, unserem Gott.
G: Das ist würdig und recht.
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dich, ewiger, unergründlicher Gott, zu preisen
und dir von ganzem Herzen zu danken.
Du bist nicht der stumme Architekt einer erstarrten Welt,
sondern der lebendige Ursprung alles Werdens.
Aus deinem Ruf ist das Universum hervorgegangen,
ein Weben von Licht und Schatten, von Fülle und Sehnsucht.
Du verlangst von deinen Geschöpfen nicht glatte Unfehlbarkeit,
sondern schenkst ihnen Raum, Atem und Freiheit.
In der Natur wie im menschlichen Herzen
hältst du die Welt offen für den Neuanfang:
Wo Dinge brennpunktartig an Grenzen stoßen,
dort eröffnest du leise eine weiterspannende Horizontlinie deiner Gnade.
In deinem Sohn Jesus Christus bist du selbst eingegetreten
in die Dichte und Brüchigkeit unserer Weltzeit.
Er hat nicht die Ferne gesucht, sondern die Berührung;
er ist den Suchenden zum Weg geworden
und hat die Welt gelehrt, dass deine Liebe keine fertigen Urteile kennt,
sondern das Leben in jedem Augenblick nach Hause ruft.
Darum stimmen wir ein in das Lob deiner unfassbaren Gegenwart
und singen mit den Chören der Engel und allen Vollendeten
das Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig, heilig, heilig … (Sanctus)

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