Franziskus von Assisi – 800 Jahre nach seinem Heimgang

Am Abend des 3. Oktober 1226 bat ein todkranker Mann seine Gefährten, ihn entkleidet auf den nackten Boden der kleinen Kapelle Portiuncula unterhalb von Assisi zu legen. Er wollte der Erde nahe sein, wenn er starb.
Und er wünschte sich, dass sie ihm noch einmal jenes Lied vorsangen, das er im Jahr zuvor gedichtet und dem er erst in seinen letzten Lebenswochen eine finale Strophe angefügt hatte: Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, den leiblichen Tod.
Achthundert Jahre liegen zwischen jenem Abend und dem vergangenen Sonntag (4.Oktober), an dem die Kirche seiner gedacht hat.
Der Heilige ohne Kanten?
Es fällt schwer, über Franziskus zu sprechen, ohne in die Klischees zu geraten, die sich längst zwischen ihn und uns geschoben haben.
Er steht als freundliche Steinfigur in Vorgärten, Vögel sitzen ihm auf den Schultern, und er gilt als der verträgliche Heilige, gegen den kaum jemand etwas einzuwenden hat.
Wer jedoch allen gefällt, verliert leicht seine Kanten. Und dieser Mann besaß Kanten, an denen sich seine Zeitgenossen wund rieben – allen voran sein eigener Vater, dem er auf dem Platz vor dem Bischofshaus von Assisi die Kleider zurückgab, die er am Leib trug.
Am Anfang dieser Geschichte steht ein junger Mann, dem das Leben leicht gemacht worden war. Als Sohn eines wohlhabenden Tuchhändlers besaß er Geld, Ansehen und den Ehrgeiz, als Ritter berühmt zu werden.
Ein verlorener Krieg, ein Jahr Gefangenschaft in Perugia und eine lange Krankheit brachten diesen Ehrgeiz ins Wanken.
Doch verwandelt hat ihn erst eine Begegnung, von der er am Ende seines Lebens in seinem Testament berichtet: Der Anblick der Aussätzigen, so schreibt er dort, sei ihm unerträglich bitter gewesen.
Dann aber habe der Herr ihn unter sie geführt; er habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen, und als er von ihnen fortging, sei ihm das, was ihm bitter erschienen war, „in Süßigkeit der Seele und des Leibes verwandelt worden“.
Die Wandlung im Tun
Man muss diesen Satz langsam lesen, um zu bemerken, wie wenig Franziskus darin von sich selbst spricht. Er beschreibt weder einen mythologischen Entschluss noch einen makellosen Sieg des Willens über den eigenen Ekel.
Er wurde geführt; er tat, wovor ihm graute – und erst im Tun, in der berührenden Begegnung mit einem Menschen, den er bis dahin gemieden hatte, geschah an ihm etwas, das er selbst nicht hätte herstellen können.
Wer je erlebt hat, wie ein lange gefürchteter Schritt plötzlich frei macht, ahnt etwas von dieser Erfahrung.
Was wir abwehren, behält Macht über uns. Häufig stößt uns am anderen gerade das ab, was wir im eigenen Leben nicht annehmen wollen: die eigene Hinfälligkeit etwa oder die stumme Angst, selbst einmal ungeliebt und ausgestoßen zu sein.
In dem Augenblick, in dem Franziskus vom Pferd stieg und dem Kranken die Hand küsste, so erzählen es die frühen Lebensbeschreibungen, verlor diese Angst ihre Herrschaft. Der Fremde wurde ihm zum Bruder.
Der Preis der Geschwisterlichkeit
Von hier aus versteht man, warum Franziskus die Sonne seinen Bruder und das Wasser seine Schwester nennen konnte – im Italienischen hat die Sonne (il sole) männliches Geschlecht, der Mond (la luna) und der Tod (la morte) sind weiblich.
Man hat diese Anrede der Geschöpfe oft für den Überschwang eines naturverliebten Gemüts gehalten. Wer genauer hinsieht, entdeckt darin eine Haltung, die einen hohen Preis hatte.
Den Sonnengesang dichtete Franziskus im Jahr 1225, als er schwerkrank und fast erblindet in einer Hütte bei San Damiano lag. Die Augen waren so entzündet, dass ihm jedes Licht Schmerzen bereitete, und nachts liefen die Mäuse über sein Lager.
Ausgerechnet in dieser Lage lobt er Gott durch den „Bruder Sonne“, der den Tag bringt, schön ist und strahlt in großem Glanz. Er besingt ein Licht, das er selbst kaum mehr ertragen konnte. Sein Lob wächst aus einer Beziehung, die auch dort noch trägt, wo der eigene Genuss längst versagt.
Das Gegenüber freigeben
Ein Bruder gehört mir nicht. In diesem schlichten Satz liegt, was Franziskus seine Armut nannte – und sie reicht weit über den bloßen Verzicht auf Geld und Besitz hinaus.
Wer besitzt, verfügt; und wer verfügt, macht sein Gegenüber zu einer Sache, die ihm zu Diensten sein muss. Dieser zugreifende Griff macht erfahrungsgemäß auch vor dem Mitmenschen nicht halt.
Franziskus hat diesen Griff gelockert. Seine frühen Biographen erzählen, er habe die Brüder gebeten, beim Anlegen des Gartens ein Stück Erde unbebaut zu lassen, damit dort wilde Kräuter und Blumen wachsen könnten, die vom Schöpfer erzählen. Er habe Würmer vom Weg aufgelesen, damit niemand auf sie trete. Man kann darüber lächeln.
Man kann in diesen kleinen Gesten aber auch die Ahnung erkennen, dass die Welt uns erst dann wirklich begegnet, wenn wir sie nicht vollständig in Gebrauch nehmen.
Dass der Tod in seinem Lied als Schwester erscheint, folgt aus derselben Haltung. Auch das eigene Leben hielt Franziskus mit offener Hand. Wer gelernt hat, die Dinge sein zu lassen, was sie sind, der kann am Ende auch sich selbst lassen.
Der Tod verliert dann etwas von seinem Schrecken, weil man ihm wie einem Verwandten entgegengeht, der zur großen Familie der Geschöpfe gehört.
Franziskus hat diese Gelassenheit auf dem nackten Boden der Portiuncula gelebt – singend, im Kreis seiner Gefährten.
Vom hohen Ross steigen
Achthundert Jahre später leben wir in einer Welt, die beinahe vollständig in Gebrauch genommen ist. Wälder, Meere und Tiere erscheinen in Bilanzen; und auch Menschen werden zunehmend nach ihrem Nutzen bemessen, ihre Zeit wird verwertet, ihre Aufmerksamkeit gewinnbringend bewirtschaftet.
Was Franziskus uns für eine solche Welt hinterlassen hat, ist ein Blick, der das Gegenüber freigibt. Und dieser Blick lässt sich einüben.
Vielleicht beginnt dieses Üben genau dort, wo es bei ihm begonnen hat: bei dem, was uns bitter ist. Jeder Mensch kennt seine eigenen „Aussätzigen“ – Menschen, Gefühle oder abgelehnte Seiten an sich selbst, denen er ausweicht, so gut es eben geht.
Die Geschichte des Franziskus macht Mut, einmal vom hohen Ross zu steigen und sich führen zu lassen.
Ob sich Bitteres in Süßes verwandelt, liegt außerhalb unserer Machbarkeit. Dass es geschehen kann, davon erzählt dieser Mann aus Assisi seit achthundert Jahren.
Und am Ende seines Lebens hat er die ganze Schöpfung eingeladen, mit ihm zu singen: Lobt und preist meinen Herrn, dankt ihm und dient ihm in großer Demut.


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