Heilung- Heimkehr- Neues Leben

(Lk 17,11–19)

Burgham, Nähe Seebruck

Die Geschichte von den zehn Aussätzigen wird in der Verkündigung gern auf eine Mahnung zur Dankbarkeit verkürzt. Liest man sie mit dem Blick dessen, der Menschen auf ihrem Weg aus seelischer Not begleitet, öffnet sich ein Drama von erstaunlicher Aktualität.

Es handelt von der (Schicksals-)Gemeinschaft im Leid, vom Schrei nach Rettung und von der Frage, wann ein Mensch wirklich gesund geworden ist.

Gefangen im gemeinsamen Schicksal

Zehn Männer treten Jesus entgegen. Die Zahl lässt aufhorchen; in der jüdischen Tradition steht sie für Vollständigkeit und Ganzheit, zugleich auch für die gesamte irdische Wirklichkeit in ihrer geschöpflichen Verletzlichkeit und Begrenztheit.

So darf man in diesen Zehn ein Bild der Menschheit sehen, gänzlich abgeschnitten von dem, was ein Leben trägt und doch angelegt auf Erfüllung.

Aussatz bedeutete in der Antike das soziale Todesurteil: Wer daran erkrankt war, musste die Familie verlassen, durfte kein Dorf betreten und hatte jedem, der sich näherte, seine Unreinheit zuzurufen.

Die Haut, an der wir die Welt berühren und von ihr berührt werden, war zur Grenze und Barriere geworden. Das Haut-Ich schreit nach zärtlichen Berührung, wenn liebevolle Nähe verboten ist und abgewehrt werden muss.

Die zehn haben sich in ihrem Elend eingerichtet, so wie Menschen sich in einem Leiden einrichten, das sie mit anderen teilen. Das gemeinsame Schicksal hält sie zusammen.

Der Schrei

Dennoch geschieht etwas Entscheidendes. Die Zehn raffen sich auf und gehen Jesus entgegen. Den vorgeschriebenen Abstand halten sie ein, doch sie erheben ihre Stimme und rufen eindringlich um Erbarmen.

Bezogen auf den Einzelnen: Jemand spricht zum ersten Mal aus, wie es um ihn steht, und tritt damit aus dem Schatten, in dem er sich verborgen hielt. Ein Mensch findet Worte für das, was ihn quält.

Mit dem Eingeständnis der Not hat der entscheidende Schritt heraus aus der Isolation zum ersehnten Wiedereingliederung und zum Heilwerden bereits begonnen.

Die Zumutung des Vertrauens

Jesu Antwort ist eine Zumutung. Er schickt die zehn Aussätzigen zu den Priestern. Diese waren damals per Gesetz die Kontrollinstanzen, die allein das Recht hatten, eine Heilung zu prüfen und einen Geheilten gegebenenfalls wieder als kultisch rein zu erklären.

Als sie aufbrechen, ist an ihrer Haut noch nichts zu sehen. Sie müssen handeln, als wären sie schon heil, und sich mit ihrer ganzen Angst vor Ablehnung auf den Weg machen.

Heilung geschieht hier im Gehen, im Vertrauen auf ein Wort, das noch keinen Beweis geliefert hat.

So beginnt der Glaube, und so beginnt auch jede Begleitung, die etwas verändert: mit einem Schritt, dessen Ausgang man noch nicht kennt.

Der Eine kehrt um

Unterwegs werden alle zehn rein. Neun gehen weiter zu den Priestern, und man sollte sie dafür nicht schelten, denn sie tun, was Jesus ihnen aufgetragen hat.

Nach Jahren der Ausgrenzung drängt es sie zurück an die Tische und in die Häuser, und dafür brauchen das amtliche Siegel der. Wer lange draußen war, will wieder hinein, möglichst schnell und möglichst ohne Aufsehen.

Der Eine aber, ausgerechnet ein Samariter, kehrt um. Für ihn hätte der Weg zu den Priestern in Jerusalem wenig bedeutet; als Fremder gehörte er ohnehin dort nicht hin. Gerade das scheint ihn frei zu machen.

Er sieht, dass er geheilt ist, und dieses Sehen genügt ihm. Während die anderen in die Ordnung zurückkehren, aus der man sie verstoßen hatte, wendet er sich dem zu, von dem die Heilung ausging.

Ein Mensch tritt hier aus der Gruppe heraus und wird er selbst, indem er seiner eigenen Wahrnehmung traut.

Heil in der Begegnung

Dieser Samariter lobt Gott mit lauter Stimme und wirft sich Jesus zu Füßen. Der Mann, der eben noch aus der Ferne rufen musste, ist ganz nahe gekommen.

Ihm liegt an der Beziehung zu dem, der ihn geheilt hat, und so wird aus dem Empfänger einer Wohltat ein Mensch, der antwortet.

Die neun haben ihre Gesundheit zurückerhalten; der eine hat darüber hinaus das Heil gefunden, weil er in seinem Gegenüber den erkennt, der ihm Würde und Lebensrecht ohne jede Bedingung zurückgegeben hat.

Ganz verstanden wird das Wunder erst in der Begegnung.

Steh auf und geh

Am Ende steht das Wort Jesu: Steh auf und geh, dein Glaube hat dich gerettet. Jesus richtet den Geheilten auf und entlässt ihn, ohne ihn an sich zu binden, als einen, der auf eigenen Füßen steht, frei von fremdem Urteil und von einer Gruppe, in der er sich verlieren konnte.

Auf dieses Wort läuft jede gute seelsorgliche und psychotherapeutische Begleitung zu: Sie löst den Menschen aus seiner inneren Angewiesenheit, seinem unfreiwilligen Ausgesetztsein und entlässt ihn in ein Leben, das er selbst verantwortet.

Gerettet hat den Samariter sein Vertrauen in eine Lebendigkeit, die Gott ihm geschenkt hat und die er nun annehmen darf. So gesundet er an Leib, Seele und Geist. Er findet zu sich heim und erfreut sich an seinen neuen Lebensmöglichkeiten.

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