Der Arzt, der genauer hinsah

Gedanken zum Fest des heiligen Lukas (18. Oktober)

Lukas ist mir unter den Evangelisten auf besondere Weise nahe. Mein Lieblingsevangelium bleibt das des Johannes mit seiner Weite und Tiefe und seiner Sprache von Licht und Liebe.

Bei Lukas aber begegnet mir etwas, das mich als Arzt und Psychotherapeut unmittelbar berührt: sein Blick auf den verwundeten Menschen.

Paulus nennt ihn den „geliebten Arzt“. Wie stark sich medizinische Erfahrung tatsächlich in seinem Evangelium niedergeschlagen hat, lässt sich historisch nur vorsichtig bestimmen.

Beim Lesen fällt jedoch auf, mit welcher Aufmerksamkeit Lukas bei Menschen verweilt, die leiden, aus dem Leben herausgefallen sind oder ihre Würde verloren haben.

Er schaut genau hin.

Der Mann am Straßenrand

Kaum eine Geschichte zeigt das eindringlicher als die vom barmherzigen Samariter. Ein Mensch liegt halb tot am Weg nach Jericho. Ein Priester kommt vorbei, und Lukas vermerkt mit spürbarer Schärfe, dass er ihn sah und weiterging; ebenso der Levit. Sehen allein bewirkt noch nichts.

Dann kommt der Samariter, und von ihm heißt es, der Anblick habe ihn im Innersten bewegt. Lukas gebraucht dafür ein Wort, das eine Regung der Eingeweide meint, und er verwendet es sparsam: beim Vater, der den verlorenen Sohn von weitem kommen sieht, und bei Jesus vor der Witwe von Nain.

Der Samariter geht zu dem Verwundeten, verbindet seine Wunden, gießt Öl und Wein darauf, bringt ihn in eine Herberge und verspricht wiederzukommen, als wüsste er, dass Heilung Zeit braucht und jemanden, der verlässlich bleibt.

Beinahe eine kleine ärztliche Szene. Und doch beginnt die Heilung schon einen Schritt früher, in dem Augenblick, in dem einer stehen bleibt.

Viele Menschen tragen Wunden, die kaum jemand sieht, den Verlust eines geliebten Menschen etwa oder eine Einsamkeit, die nach außen gut verborgen bleibt.

Wer ärztlich oder therapeutisch arbeitet, erlebt immer wieder, wie viel davon abhängt, ob ein Mensch spürt, dass da einer ist, der ihn sieht und seinen Schmerz mit ihm aushält.

Heilung beginnt mit Aufmerksamkeit.

Die Frau, die sich wieder aufrichtet

Seit achtzehn Jahren ist eine Frau gekrümmt und kann sich nicht mehr aufrichten. Jesus sieht sie in der Synagoge, ruft sie zu sich und legt ihr die Hände auf, und Lukas berichtet in einem schlichten Satz, dass sie sich sogleich aufrichtet und Gott lobt.

Dem empörten Synagogenvorsteher hält Jesus entgegen, sie sei eine „Tochter Abrahams“. Mit der aufrechten Haltung erhält sie auch ihren Namen und ihren Platz in der Gemeinschaft zurück.

Es gibt Lasten, unter denen Menschen sich im Laufe ihres Lebens krümmen, Angst und Scham etwa oder eine Geschichte, die zu schwer geworden ist.

Wer lange therapeutisch gearbeitet hat, erlebt bisweilen einen erstaunlichen Wandel. Ein Mensch kommt mit gesenktem Blick, vorsichtig, fast entschuldigend, und Monate später sitzt derselbe Mensch anders im Raum; die Stimme ist freier geworden, der Blick hält stand, und manchmal verändert sich selbst der Gang.

Etwas im Inneren hat wieder Raum gewonnen, und der Mensch findet zurück in seine eigene Gestalt.

Einer kehrt zurück

Zehn Aussätzige bitten Jesus um Erbarmen, und alle zehn werden gesund. Einer von ihnen kehrt um, fällt vor ihm nieder und dankt. Lukas fügt hinzu, dass es ein Samariter war, ein Fremder also, wie der Helfer am Straßenrand. Allein zu ihm sagt Jesus: „Dein Glaube hat dich gerettet.“

Gesund geworden waren alle, doch dieser eine hat mehr empfangen als die Befreiung von seiner Krankheit; er hat wieder Zugang zu seinem Leben gefunden.

Auch die Medizin kennt diese Erfahrung. Eine Operation kann gelingen, ein Laborwert sich normalisieren, und danach beginnt oft eine andere Aufgabe, nämlich die Frage, wie ein Mensch mit dem lebt, was ihm widerfahren ist, und was sich in seinem Verhältnis zu sich selbst und zu anderen verändert hat.

Umgekehrt begegnen uns Menschen, die mit einer bleibenden Krankheit eine erstaunliche innere Freiheit gewinnen.

Lukas hat einen feinen Sinn dafür, dass Heilung den ganzen Menschen betrifft.

Die Kunst des Sehens

Sein Evangelium wendet sich immer wieder Menschen zu, die leicht aus dem Blick geraten.

Zachäus sitzt auf seinem Baum, und Jesus bleibt stehen und schaut zu ihm hinauf.

Der verlorene Sohn ist noch weit weg, als der Vater ihn schon sieht und ihm entgegenläuft.

Der Verbrecher am Kreuz bittet in letzter Stunde darum, erinnert zu werden, und hört: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“

Immer ist es ein Blick, der dem anderen zuvorkommt und mehr in ihm sieht als seine Schuld oder sein gesellschaftliches Etikett.

Eine alte Überlieferung erzählt, Lukas habe die Mutter Jesu gemalt, und so gilt er bis heute als Patron der Ärzte und der Maler.

Medizin und Malerei leben beide davon, dass jemand mit Achtung genau hinschaut.

Hier berühren sich Glaube und therapeutisches Handeln: Eine Diagnose beschreibt einen Teil des Menschen, eine Lebensgeschichte erklärt vieles, und eine Verwundung hinterlässt tiefe Spuren, doch der Mensch selbst bleibt größer als all das.

Der Arzt Lukas erzählt davon mit einer unaufdringlichen Genauigkeit. Sein Evangelium erinnert daran, wo die Kunst des Heilens ihren Anfang nimmt:

einen Menschen so anzusehen, dass hinter seiner Wunde wieder sein Gesicht sichtbar wird.

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