Bei Dir sein

Eine Annäherung an Psalm 27

Vertrauenspsalmen sind Gebete mitten in der Angst und gegen die Angst. Vers 1 beginnt mit dem Gottesnamen und Vers 6 schließt mit dem Gottesnamen JHWH. An ihm, der für mich und uns dasein will, macht sich der Beter fest.

Wer sich damit schwer tut und dieses Gottvertrauen sich wie eine falsche Vertröstung oder gar Selbsttäuschung anfühlt, erinnert sich vielleicht an  Momente, in denen man spürt: Irgendwas trägt mich. Nicht weil alles gut ist. Sondern obwohl es das nicht ist.

​Psalm 27 kommt aus einem solchen Moment. Jemand sitzt in echter Bedrängnis — Feinde, Verlassenheit, Dunkel — und schreibt trotzdem einen der mutigsten Sätze der Weltliteratur: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil vor wem sollte ich mich fürchten?“ Das ist kein Optimismus. Das ist etwas anderes.

Licht ist nicht Helligkeit

Wer Angst kennt, weiß: Das Problem ist oft nicht die Dunkelheit da draußen. Es ist die Dunkelheit innen. Der Moment, wo man sich selbst nicht mehr erkennt. Wo das eigene Gesicht fremd wird.

​Licht meint hier: Ich werde gesehen. Nicht beobachtet, nicht beurteilt — gesehen. So wie man ein Zimmer betritt und jemand schaut auf und erkennt einen. Dieses Erkanntwerden gibt dem eigenen Dasein Kontur zurück.

Der Psalmist nennt dieses Licht „mein Heil“ — also: das, was mich ganz macht. Nicht perfekt. Ganz. Gott hat als unsichtbares Liebeslicht mich im Blick.

Die Festung, die innen liegt

„Die Zuflucht meines Lebens“ — das klingt nach Schutzwall, nach Abschirmung. Aber gemeint ist etwas Subtileres: ein innerer Ort, der nicht weggenommen werden kann. Es ist ein Seelenort, den niemand von außen betreten kann.

​Psychologisch gesprochen: ein sicherer Grund. Nicht die Abwesenheit von Erschütterung, sondern eine Mitte, die Erschütterung aushält, ohne sich aufzulösen.

Glaube ist ein Hinfliehen zu Gott und sich fest machen in ihm. Und im festen Vertrauen auf ihn, sich wiederum hinaus- und hineinwagen in die ganz irdischen Belange.

Der Psalmist freilich hat Feinde, kennt Gegenkräfte, Gegenstimmen. Er nennt sie beim Namen. Er beschönigt nichts. Aber er entdeckt, dass es einen Punkt in ihm gibt, den sie nicht erreichen. Er ist verwurzelt und gegründet in seiner Gottesbeziehung.

Das Eine, was er sich wünscht

Mitten in allem — Bedrohung, Chaos, Ungewissheit — formuliert der Psalmist eine einzige Bitte: „Nur eines erbitte ich vom Herrn, danach verlange ich: im Haus des Herrn zu wohnen alle Tage meines Lebens.“

​Nicht Sicherheit. Nicht Erfolg. Nicht das Ende der Bedrängnis. Er will wohnen. Ankommen. Nicht auf der Flucht vor sich selbst sein. In Berührung bleiben mit dem, was er in lichten Momenten gespürt hat: dass er getragen ist.

Das ist die Sehnsucht, wirklich einzuwohnen— in der Wirklichkeit, in sich selbst, im Leben. Tiefer noch: zu Hause sein in Gottes Obhut.

Die tiefste Verletzung und der Grund darunter

Fast beiläufig steht da ein Satz, der einem den Atem verschlägt: „Mein Vater und meine Mutter verlassen mich — der Herr aber nimmt mich auf.“

​Wer das schreibt, hat Verlassenheit nicht nur als Möglichkeit bedacht. Er kennt sie. Er benennt die prägendste Verletzung, die ein Mensch erfahren kann: von denen nicht getragen zu werden, die einen ins Leben gerufen haben.

Doch der Psalm setzt hier einen radikalen Akzent: Die eigene Würde und das Recht, da zu sein, hängen am Ende nicht an der Bestätigung der Eltern.

​Es gibt eine Annahme, die tiefer reicht als die menschliche Herkunft. Dieses „Aufgenommenwerden“ ist keine Vertröstung auf ein Jenseits, sondern eine Kraftquelle für das Hier und Jetzt. Es bedeutet, dass wir nicht länger Gefangene unserer Biografie sein müssen. Es gibt ein Ja zum eigenen Leben, das älter und stärker ist als jede Ablehnung.

Was bleibt

Psalm 27 ist kein Rezept. Er beschreibt jemanden, der mitten in der Dunkelheit eine Lichtquelle gefunden hat — oder: der von ihr gefunden wurde.

Und der daraus nicht Stärke im Sinne von Unverwundbarkeit zieht, sondern Mut. Den Mut, weiterzugehen, ohne zu wissen wohin. Mut ist konkrete Hoffnung (K. Rahner).

„Ich glaube, das Gute des Lebens zu sehen im Land der Lebenden.“

Er glaubt es. Er ist sich nicht sicher. Aber er glaubt es. Das ist vielleicht genug.

Nachsatz:

Einer hochbetagten Frau gewidmet, deren äußeres Sehen schwindet,
und deren inneres Licht geblieben ist —
sie hat mir gezeigt, was dieser Psalm meint.

Oder anders: Für die, die fast nicht mehr sehen
und doch am meisten sehen.

Das letzte Wort
Der letzte Satz des Psalms ist auf den ersten Blick fast zu schlicht. Nach allem — nach Bedrängnis, Dunkel, Verlassenheit — steht da nur dieser eine, leise Satz:
„Ich glaube, das Gute des Lebens zu sehen im Land der Lebenden.“


Kein Triumphieren. Kein Auflösen der Spannung. Nur dieser Glaube — zerbrechlich und standfest zugleich. Wer lange gelebt hat, weiß, was dieser Satz kostet.


Wer einen geliebten Menschen sterben sieht — und die Hand hält, während er geht — der weiß: Das Land der Lebenden hat eine Grenze. Man steht dabei. Man spürt, wie jemand hinübergeht.
Und man bleibt zurück.
In diesem Moment könnte man meinen: Das Gute war das, was war. Vergangenheit. Abgeschlossen.


Aber der Psalmist sagt etwas anderes. Er sagt: Ich glaube, es zu sehen — jetzt, hier, noch. Das Gute liegt auch vor uns. Es ist noch im Gange.
„Im Land der Lebenden“ — das ist ein innerer Ort. Es ist der Ort, an dem man noch atmet, noch liebt, noch trauert. Trauer selbst ist Land der Lebenden. Wer trauert, hat geliebt. Wer geliebt hat, hat das Gute berührt.


Die Hand, die einen Sterbenden hält — gegen den Widerstand der Umstehenden — das ist das Gute des Lebens, leibhaftig. Das bleibt. Durch den Tod hindurch. Durch die Zeit. Durch schwindende Augen.


Was war, bleibt. Was wir geliebt haben, bleibt. Als Wirklichkeit, die immer ist.
Ich glaube, das Gute zu sehen.
Sie hat es geglaubt. Und getan.

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