Durch ihn leben

Mein Primizkelch mit Patene –

(1 Joh 3,16 : griechischer Text eingraviert)

Eine Betrachtung zu Fronleichnam — Joh 6,56–57

Es gibt Sätze, die man schwer versteht — und die einen trotzdem festhalten. Man liest sie mit zwanzig, mit vierzig und mit sechzig noch einmal, und jedes Mal klingen sie anders, weil man selbst ein anderer geworden ist. Sie bleiben. Sie warten. Sie verlieren ihre Fremdheit nie ganz, aber gerade darin bewahren sie ihre Kraft.

Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir — und ich bleibe in ihm. (Joh 6,56)

Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich isst, durch mich leben. (Joh 6,57)

Zwei Sätze. Der erste spricht vom Bleiben. Der zweite vom Leben aus einer Quelle. Zusammen öffnen sie einen Raum, für den es im Alltag kaum Worte gibt — und den doch jeder ahnt, der einmal gespürt hat, dass sein Leben aus einer tieferen Herkunft gespeist wird.

Das Bleiben

Menein — so heißt das Wort im Griechischen. Bleiben, wohnen, innebleiben. Johannes verwendet es wie einen Schlüssel, der immer wieder in dasselbe Schloss passt: im Bild vom Weinstock, in den Abschiedsreden, hier in der Brotrede des sechsten Kapitels.

Bleiben ist die vitale Ruhe dessen, der angekommen ist. Eine Ruhe, die trägt. Eine Gegenwart, die auch im Dunkel standhält. Ein Gehaltensein, das den Menschen innerlich sammelt.

Es gibt Menschen, in deren Nähe man etwas davon spürt. Man verlässt sie und trägt doch etwas mit — ihre Art zu sein, ihren Blick, ihre Ruhe, ihre Wahrheit. Etwas von ihnen ist übergegangen, unmerklich. Sie sind zur inneren Gegenwart geworden.

Johannes führt dieses menschliche Erleben in eine größere Tiefe. Er spricht von einer Einwohnung, die wechselseitig gilt.

Er bleibt in mir. Schon das hat ungeheure Dimensionen. Aber Johannes sagt mehr: Und ich bleibe in ihm.

Eine Gegenseitigkeit, die kaum auszusprechen ist. Gott wohnt im Menschen — als Gegenwart, die bleibt. Und der Mensch wohnt in Gott — geborgen, aufrechterhalten, getragen.

Unterschieden und dennoch verbunden. Wie zwei, die sich so nahe sind, dass die Grenze zwischen ihnen durchlässig wird und das Eigene zugleich bewahrt bleibt.

Das Leben aus der Quelle

Der zweite Satz führt noch tiefer:

Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe — so wird jeder, der mich isst, durch mich leben.

Jesus beschreibt hier das innerste Prinzip seines eigenen Lebens. Er lebt aus dem Vater. Sein Leben ist empfangenes Leben, geschenktes Leben, Leben aus dem Ursprung.

Darin liegt eine göttliche Lebensstruktur: Leben empfängt sich und teilt sich mit. Der Sohn lebt aus dem Vater — in jedem Atemzug, als fortwährendes Geschenk. Und er reicht dieses Leben weiter.

In diese Bewegung wird der Mensch hineingenommen.

So wird jeder, der mich isst, durch mich leben.

Der Mensch wird in eine Bewegung aufgenommen, die vor ihm begonnen hat und über ihn hinausreicht. Er bleibt er selbst — und lebt aus einer tieferen Herkunft.

Durch mich leben.

Das heißt: Christus wird zur Quelle des eigenen Lebens. Sein Leben geht durch ein Menschenleben wie ein Fluss durch ein Land. Es nährt, verwandelt, macht fruchtbar — leise, verborgen, geduldig.

Vielleicht deshalb haften diese Sätze so tief im Bewusstsein.

Sie beschreiben eine Wirklichkeit, die angeboten wird. Sie entfaltet sich im Annehmen. Langsam. Über Jahre. Oft unmerklich.

Man lebt. Man betet. Man erfährt das eigene Ungenügen. Man beginnt neu. Man verliert den Faden und findet ihn wieder. Und irgendwann — als Geschenk eines langen Weges — bemerkt man das Fundament: eine Gegenwart, die tiefer reicht als das eigene Machen. Ein Leben, das mich trägt, mich beschenkt und mir näher ist als alles, was ich mir selbst geben könnte.

Durch mich leben.

Vielleicht ist das einer der stillsten und weitesten Sätze des Johannesevangeliums. Ein Satz, der mitgeht. Bis ans Ende.

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