Ein theologisches Essay über Communio, Differenz und das Dritte
Gedanken zum Dreifaltigkeitssonntag
Lothar Katz
Vorbemerkung
Dieser Text ist kein Predigtbeitrag im engeren Sinn. Er versteht sich als theologische Hinführung zur Trinitätslehre: als Versuch, den Glauben an den dreieinigen Gott nicht als abstraktes Rechenrätsel aufzufassen, sondern als Denkraum von Identität und Differenz, Einheit in Unterschiedenheit.
Dabei berühren sich theologische und psychologische Fragen: Was heißt Person? Wie gelingt Beziehung? Was bedeutet das Dritte zwischen Ich und Du? Und warum ist Liebe ohne Unterschied, Abstand und Freiheit nicht denkbar?
1. Drei Stimmen zum Auftakt
Die Trinitätslehre gehört zu den am stärksten umstrittenen Geheimnissen des christlichen Glaubens. Drei prominente Stimmen markieren das Spannungsfeld, in dem sich jede Auseinandersetzung mit ihr bewegt.
„Wer von Gott nicht weiß, dass er dreieinig ist, der weiß nichts vom Christentum.“
G. W. F. Hegel
„Aus der Dreieinigkeitslehre lässt sich schlechterdings nichts fürs Praktische machen, wenn man sie gleich zu verstehen glaubte, noch weniger aber, wenn man inne wird, dass sie gar alle unsere Begriffe übersteigt.“
Immanuel Kant
„Ich glaubte an Gott und die Natur und an den Sieg des Edlen über das Schlechte – aber das war den frommen Seelen nicht genug. Ich sollte auch glauben, dass drei eins sei und eins drei; das aber widerstrebte dem Wahrheitsgefühl meiner Seele.“
Johann Wolfgang von Goethe (Gespräch mit J. P. Eckermann, 4. Januar 1824)
Diese drei Stimmen zeigen die Spannung, in der die Trinitätslehre bis heute steht. Für Hegel gehört sie in die Mitte des Christentums. Für Kant scheint sie praktisch folgenlos. Für Goethe widerspricht sie dem unmittelbaren Wahrheitsgefühl der Seele.
Damit ist die entscheidende Frage gestellt: Ist der Glaube an den dreieinigen Gott ein unlösbares Rätsel, ein Zuviel an Geheimniskrämerei über die unhintergehbar göttliche Wirklichkeit?
Oder verändert dieser Glaube die geistige Atmosphäre, in der der Mensch von Gott, von sich selbst und von der Welt spricht?
Die Trinitätslehre will Gott nicht erklären. Sie bewahrt das Geheimnis Gottes vor falscher Vereinfachung. Sie schützt den Glauben davor, Gott als einsame Macht, als höchste Idee oder als namenloses Absolutes zu denken.
Der christliche Glaube sagt: Gott ist lebendige Beziehung. Gott ist Liebe — nicht als zusätzliche Eigenschaft, sondern als Weise seines ewigen Seins.
2. Offenbarung statt Spekulation
Der christliche Glaube steigt nicht aus eigener Spekulation in das Innere Gottes hinauf. Er denkt von dem her, was Gott von sich selbst zeigt: in Jesus Christus, in seiner Hingabe, in seinem Verhältnis zum Vater, in der Sendung des Geistes.
Was Gott in seiner Göttlichkeit in sich ist, bleibt Geheimnis. Doch er verbirgt sich nicht hinter seiner Offenbarung. In Christus und im Geist teilt Gott nicht nur etwas über sich mit. Er teilt sich selbst mit.
Dass Gottes Wirklichkeit ganz und gar Mitteilung, sich verströmendes Leben ist, verändert nicht nur das menschliche Bild von diesem Urgeheimnis radikal — es betrifft auch unser Selbstverständnis, das Menschenbild und unser Verständnis der Welt.
3. Die historischen Grenzlinien
Das frühchristliche Ringen um die Trinität musste mehrere Vereinfachungen abwehren:
Subordinatianismus: Er denkt Sohn und Geist dem Vater untergeordnet. Gott erscheint dann als eine Hierarchie göttlicher Wesen.
Modalismus: Er versteht Vater, Sohn und Geist als bloße Erscheinungsweisen oder Masken eines unterschiedslosen Einen.
Tritheismus: Er zerreißt die Einheit Gottes in drei selbständige Götter nebeneinander.
Die klassische Trinitätslehre geht einen anderen Weg. Sie hält an der Einheit Gottes fest und nimmt zugleich die wirkliche Unterschiedenheit von Vater, Sohn und Geist ernst. Gott ist einer — und in sich lebendige Beziehung.
„Kaum habe ich begonnen, an die Einheit zu denken, da überflutet mich die Trinität mit ihrem Glanz. Kaum habe ich begonnen, an die Trinität zu denken, da leuchtet mir die Einheit auf.“
Gregor von Nazianz
Trinitarische Sprache ist darum keine Definition, die Gott in Begriffe einsperrt. Sie ist eine Grenzsprache. Sie zeigt in Richtung des Geheimnisses, ohne es zu verbrauchen.
4. Person als Relation
Im Ringen um die Trinitätslehre entstand ein neues Verständnis von Person. Was in Gott unterschieden ist, wurde „Person“ genannt — ein Begriff, der die abendländische Anthropologie tief prägte.
Das griechische Wort für Person, prosopon, meint zunächst Gesicht, Antlitz oder sichtbare Gestalt. Das lateinische persona trägt eher in sich den Klang von Rolle, Stimme und Sich-Zeigen.
In der trinitarischen Theologie gewinnt der Begriff eine neue Tiefe: Person meint ein Sein, das sich in Beziehung vollzieht.
Eine Person steht nicht zuerst beziehungslos für sich. Sie ist sie selbst, indem sie vom anderen her und auf den anderen hin existiert. Beziehung kommt nicht nachträglich zu einem fertigen Ich hinzu; sie gehört zum Ursprung personalen Seins.
Person ist Selbststand in Bezogenheit. Das Höchste ist damit nicht das isolierte Eine, sondern Beziehung in vollkommenem, lebendigem Liebesaustausch. Ein Ich wird durch Geben, Empfangen und Antworten nicht weniger, sondern gerade es selbst.
5. Perichorese: das innergöttliche Sichumtanzen der Personen
Für das innergöttliche Miteinander hat die Theologie den Begriff der Perichorese geprägt (circuminsessio und circumincessio). Dieser Begriff lässt Bewegung ahnen: ein Umtanzen, ein Einwohnen, ein lebendiges Ineinander, einander gewährten Raum.
Der Vater ist ganz im Sohn und ganz im Heiligen Geist. Der Sohn ist ganz im Vater und ganz im Heiligen Geist. Der Heilige Geist ist ganz im Vater und ganz im Sohn. Keine Person steht isoliert, keine verschwindet in der anderen. Jede ist sie selbst von den anderen her und auf die anderen hin.
Perichorese meint gegenseitiges Innesein der Personen.
6. Die Rhythmik der Liebe
Die innergöttlichen Beziehungen entfalten sich als Rhythmik der Liebe. Jede göttliche Person ist sie selbst durch ihre eigene Weise des Schenkens und Empfangens:
Der Vater ist Ur-sprung, reine Gabe. Seine Identität liegt im Sich-Verschenken. Er ist Vater, indem er den Sohn hervorbringt und ihm alles gibt.
Der Sohn ist Dasein aus Empfang. Er nimmt die Gabe an, bejaht sie, antwortet auf sie und gibt sie in Liebe zurück. Er ist das ewige Ja zum Vater.
Der Heilige Geist ist die personale Weite dieser Liebe. Er ist der Atem, der Überschwang, in dem die Liebe zwischen Vater und Sohn offen, fruchtbar und mitteilbar bleibt — das göttliche Über-sich-hinaus.
Liebe ist demnach keine Eigenschaft Gottes neben anderen. Sie ist die Weise, wie Gott Gott ist. Was Gott in der Geschichte der Menschheit schenkt, entspricht dem, was er in sich selber ist. Wer er in sich ist — Für-einander —, ist er für andere.
7. Das Dritte: Wo Nähe atmen kann
Diese trinitarische Relationalität wirft ein neues Licht auf den Menschen. Wenn Gott selbst lebendige Communio ist, kann auch der Mensch nicht im Sinne isolierter Selbstgenügsamkeit (als sogenannte Monade) verstanden werden.
Das Ich entsteht im Angesprochenwerden — der Mensch wird am Du zum Ich. Doch jede Beziehung bleibt gefährdet, solange sie rein dyadisch verstanden wird. Wo nur Ich und Du einander gegenüberstehen, drohen Verschmelzung, Spiegelung, Machtkampf oder die Angst vor Verlassenheit. Liebe braucht Nähe, aber sie braucht ebenso Abstand. Ohne Unterschied wird Nähe eng; ohne Nähe wird Unterschied kalt.
Hier berühren sich trinitarisches und psychologisches Denken: Beziehung braucht ein Drittes, das die Zwei unterscheidbar bleiben lässt. Die Triade eröffnet einen Raum, in dem Liebe aus bloßer Gegenseitigkeit herausfindet. Das Dritte — im Menschlichen repräsentiert durch Sprache, Symbol, Gesetz oder gemeinsame Welt — rettet die Beziehung vor Verschlingung. Es tritt nicht einschneidend zwischen die Liebenden, sondern schafft den Raum, in dem Nähe atmen kann.
Ein echtes Wir entsteht dort, wo das Dritte das Ich davor bewahrt, im Du unterzugehen — und das Du davor, vom Ich vereinnahmt zu werden.
8. Schöpfung und Inkarnation: Raum und Wunde
Wenn Beziehung, Unterschied und Einheit im dreieinigen Gott ihren Ursprung haben, fällt von hier aus auch Licht auf die Welt.
Schöpfung heißt: Gott gibt Raum für anderes. Die Welt muss nicht göttlich sein; sie darf wirklich Welt sein: frei, eigenständig, geschichtlich und verletzlich. Sie ist keine logische Ableitung aus Gott — wohl aber eine Resonanz der Trinität.
Und mehr als das: Mit der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus begegnet uns der dreieinige Gott inmitten der Geschichte. In Jesus Christus tritt Gottes Liebe in die Verwundbarkeit der Schöpfung und des Menschen ein: in seine Leiblichkeit, Sprache, Beziehung — aber auch in Verrat, Angst und Tod des Menschen.
„Fleisch“ (griechisch: sarx) meint Nicht-Konsistentes, Hinfälliges, in Verrgehen Zerrinnendes.
Aber das Wort ist Fleisch geworden, die zweite göttliche Person, Jesus Christus. Er nimmt uns, die Gebrochenen und Gebrechlichen, in seine Lebenslinien hinein. Wir verlieren uns nicht ins Wesenlose, ins Bodenlose.
Wir sind gehalten und verknüpft in den Bewegungen der bergenden und einenden Liebe des Vaters zum Sohn, des Sohnes zum Vater im Geist. So finden wir unseren Weg und unser Ziel.
9. Hemmerle: Offenbarung als Entäußerung und Steigerung
Diesen Gedanken hat Bischof Klaus Hemmerle — dem ich als Lehrer für Religionsphilosophie und Fundamentaltheologie an der Universität Freiburg tiefe Einsichten verdanke — in einer Dichte formuliert, die ich hier nicht übergehen kann:
„Gottes Wort ist von sich selber her Mächtigkeit, Anderes sein zu lassen. Indem dieses Wort jedoch unter die Bedingungen seines Anderen tritt, sich ins Menschenwort entäußert, nimmt es die Gestalt der Ohnmacht an: es wird missverständlich und missbrauchbar. In dieser Ohnmacht aber gewinnt es etwas dazu: es wird Wirklichkeit im Medium seines Anderen, ja es wird Wirklichkeit seines Anderen. Gerade in diesem Vorgang, der zugleich Entäußerung und Steigerung bedeutet, geschieht Offenbarung.“
Klaus Hemmerle
Offenbarung ist demnach kein Herabsenken von oben, das das Unten unberührt lässt. Sie ist Eingang — mit allen Konsequenzen. Gott geht in die Wunde der Welt ein, wird selbst verwundet. Und macht den Glauben wach für das Leiden — und dessen Überwindung.
10. Ausklang: Im Raum der dreieinigen Liebe
Der Glaube an den dreieinigen Gott löst das Geheimnis Gottes nicht auf. Aber er verändert den Raum, in dem wir von Gott, vom Menschen und von der Welt sprechen.
Am Ursprung der Wirklichkeit steht ein Leben, das sich mitteilt; eine Einheit, die einen Unterschied kennt; eine Liebe, die Nähe schenkt und Freiheit eröffnet.
Von hier aus erhält auch der Mensch sein Licht. Er ist kein vereinzeltes Ich. Er empfängt sich, indem er angesprochen und angenommen wird.
In der geheimnisvollen Differenz des dreieinigen Gottes ist der Abstand der Personen kein Defizit, sondern die Bedingung absoluter Freiheit und Liebe.
Die Wirklichkeit ist daher im Innersten auf Beziehung hin angelegt und dem Zerfall nicht endgültig preisgegeben.
Der dreieinige Gott ist kein spekulatives Rechenrätsel, sondern die Gewissheit, dass Gott in sich selbst Communio ist — und der Mensch zu nichts Geringerem berufen ist.
Alles Leben kommt aus Beziehung und findet seine Vollendung in jener Liebe, die schon vor aller Welt war: Vater, Sohn und Heiliger Geist.

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