Unter dem Blick der Mutter vom guten Rat

Im vergangenen Jahr war ich am Gardasee, als Papst Leo XIV. gewählt wurde. Die Landschaft lag im Licht, die Nachrichten aus Rom kamen wie aus einer anderen Welt – und doch trat das Ereignis mit einer eigentümlichen Nähe an mich heran.

Unter den ersten Gesten seines Pontifikats hat mich besonders der Weg nach Genazzano berührt, zur Madonna del Buon Consiglio, zur Mutter vom guten Rat.

Nur zwei Tage nach seiner Wahl fuhr Leo XIV. in das kleine Bergstädtchen östlich von Rom. Schlicht, fast unscheinbar, im Wagen, auf dem Beifahrersitz. In der Augustiner-Basilika betete er vor dem kleinen Gnadenbild, das seit Jahrhunderten verehrt wird. Es war seine erste Reise außerhalb des Vatikans. Gerade darin lag ihre Sprache.

Denn diese Geste war kein Auftritt, sondern eine Haltung. Kein Zeichen von Selbstbehauptung, sondern ein Schritt in den Raum des Hörens. Wer eben erst die Last des Petrusamtes übernommen hat, stellt sich nicht zuerst vor die Welt, sondern unter einen Blick, der ihn empfängt. Unter den Blick einer Mutter, die nicht an sich bindet, sondern weiterweist.

Für Leo XIV. ist Genazzano kein beliebiger Ort. Als Augustiner steht er in einer Tradition, die dort geistige Heimat findet. Das Heiligtum ist dem Augustinerorden anvertraut. So hatte sein Besuch etwas von Rückkehr, Herkunft, inniger Vertrautheit – und zugleich etwas von der stillen Entäußerung dessen, der sich selbst nicht trägt, sondern tragen und begleiten lässt.

In der Basilika verweilte der Papst vor dem Tabernakel und anschließend vor dem Bild Mariens mit dem Kind. Mit den Anwesenden betete er, und er erinnerte an das Wort aus Kana:„Was er euch sagt, das tut.“ (Joh 2,5)

Vielleicht liegt gerade hier der Schlüssel dieser Stunde. Maria spricht nicht über sich. Sie hält nichts fest. Sie öffnet. Sie sammelt. Sie lenkt den Blick auf Christus und macht das Herz bereit für das, was der Sohn sagt. Ihre Gegenwart ist nicht Programm, sondern Durchlass. Nicht Besitz, sondern Weg.

So wurde dieser erste Weg aus dem Vatikan hinaus zu einer stillen Signatur. Das neue Pontifikat stellte sich nicht unter das Pathos des Anfangs. Vielmehr ist es eine Form von Hör-samkeit, die Bereitschaft, sich (be-)raten zu lassen, unterscheiden, nicht vorschnell deuten. Den Realitäten mit wacher Offenheit begegnen. Mit einer Einstellung, die sich mit ahnungsvollem Vermögen dem bislang Unerkannten, Nicht-Gewussten nicht verschließt. Vielleicht ist dies schon ein geistlicher Stil für unsere Zeit.

Und doch hat diese Geste für mich noch einen anderen Klang, einen sehr persönlichen.

Vor meiner Priesterweihe fand ich auf dem Lindenberg, dem Wallfahrtsort nahe St. Peter im Schwarzwald, ein Gebet zur Mutter vom guten Rat. Ich erinnere mich nicht mehr genau an die Umstände, wohl aber daran, dass es mich seither begleitet. Nun sind es sechsundvierzig Jahre.

Es hat mich begleitet, weil es so schlicht ist und gerade darin so weit. Es sammelt das unruhige Herz. Es nimmt das Unfertige und Belastende, die Fragen und Unwegsamkeiten nicht weg, sondern legt sie in gute Hände. Und es bittet nicht um die schnelle Antwort, sondern um den Rat, der tiefer reicht als jede Auskunft.

Vielleicht lässt sich darin eine Grundfigur geistlicher Reife erkennen: nicht alles selbst klären wollen, sondern sich raten lassen. Nicht die Illusion der Autonomie, sondern die Freiheit des Empfangens. Ein Leben aus dem Glauben, so könnte man sagen, gewinnt Tiefe nicht zuerst durch Verfügung, sondern durch Hin-gabe. Das Gebet zur Mutter vom guten Rat spricht diese Bewegung aus: Was mich bindet, verwirrt, beschwert oder beschämt, wird nicht verdrängt und abgetan, es wird gebracht. Der Rat, um den gebeten wird, ist kein Tipp; er ist eine Weise der Führung. Eine Wegweisung.

So stehen für mich zwei Erinnerungen nebeneinander, die innerlich zusammengehören: der Weg des neu gewählten Papstes nach Genazzano und das kleine Gebet vom Lindenberg, das mich seit meiner Weihe begleitet. Beide sprechen von derselben Haltung: Sich nicht selbst genügen. Sich der unvergleichbar größeren Perspektive stellen, die einen gangbaren Weg weist und Knoten löst.

Maria, Du Mutter vom guten Rat

Alles möcht ich Dir erzählen,

alle Sorgen, die mich quälen,

alle Zweifel, alle Fragen,

möchte ich, Mutter, zu Dir tragen.

Wege, die ich selbst nicht kenne,

liebe Namen, die ich nenne,

Schuld, die ich mir aufgeladen,

andern zugefügten Schaden.

Ärgernis, so ich gegeben,

all mein Wollen, all mein Streben,

mein Beraten, mein Verwalten,

mein Vergessen, mein Behalten,

mein Begehren, mein Verzichten,

und mein Schweigen und mein Richten.

All die vielen Kleinigkeiten,

die so oft mir Müh’ bereiten.

Jedes Lassen, jede Tat,

Mutter, Dir vom guten Rat,

leg ich alles in die Hände.

Du führst es zum rechten Ende.

Amen.

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