Das wahre Du meines Lebens

Vom existentiellen Durst zur Einwohnung Gottes

Eine Spurensuche mit Psalm 63, Fridolin Stier, Martin Buber und Johannes 17

Manchmal bringt das Erwachen in der Frühe eine Sehnsucht an die Oberfläche, die tiefer reicht als Stimmung, Frömmigkeit oder Gedanke. Es ist zunächst vielleicht nur das Verlangen nach einem Du: nach einem Menschen, der uns meint, nach Nähe, nach Antwort, nach einem Gegenüber, in dessen Blick wir nicht verschwinden.

Doch in manchen Stunden wird spürbar, dass diese Sehnsucht weiter reicht. Sie tastet nach einem Du, das auch dort noch hält, wo jedes menschliche Gegenüber an Grenzen kommt.

Die Nacht hat alles Nebensächliche abgestreift; am Morgen bleibt ein Suchen, das keine Ausflucht mehr zulässt. Es beginnt dort, wo der Mensch spürt: Ohne ein Du verdorrt mein Leben. Und es vertieft sich dort, wo er ahnt: Ohne jenes letzte Du, das mich nicht verlässt, verliert mein Leben seinen innersten Grund.

So brennt das Wort des Psalmisten auf den Lippen:

„Gott, mein Gott bist du, dich suche ich, es dürstet nach dir meine Seele.“ (Psalm 63,2)

1. Das Suchen in der Morgenfrühe

Im Hebräischen steht für dieses frühe Suchen das Wort shāchar; in der Ich-Form des Psalms: ashahareka – ich suche dich frühe.

Die lateinische Vulgata verdichtet diese Bewegung in die Formel:Ad te de luce vigilo – zu dir wache ich vom ersten Licht an.

Darin liegt eine eigentümliche Spannung. Es ist Morgen, aber der Beter steht noch in der Nacht. Das Licht ist da, doch es hat die Seele noch nicht erreicht. Dieses Erwachen ist kein ruhiger Beginn des Tages, sondern ein Wachwerden in äußerster Bedürftigkeit. Der Mensch findet sich vor in einer inneren Landschaft, die der Psalm mit erschütternder Genauigkeit benennt:

„Nach dir schmachtet mein Fleisch wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser.“

Der Durst nach Gott ist hier leibhaftig. Er betrifft nicht nur Gedanken, Überzeugungen oder religiöse Stimmungen, sondern den ganzen Menschen. Seele und Leib geraten in denselben Mangel.

2. Fridolin Stier: das moderne Echo dieses Durstes

Kaum jemand hat diese Wucht des ‚ad te de luce vigilo‘ in der Moderne so ungeschützt ins Wort gebracht wie der Tübinger Theologe und Alttestamentler Fridolin Stier.

Seine Tagebücher sind kein Kommentar zum Psalm im wissenschaftlichen Sinn. Sie sind ein spätes, verletztes Echo desselben Schreis.

Am 1. Dezember 1971 notiert er:

„Ich habe mein Ägypten verlassen… Ich gehöre zum wandernden Volk, mein Land ist die Wüste, die Schakale der Wissenschaft heulen in der Nacht um mein Lager, die Eulen der Absurdität huschen über mich hin und kündigen Tod und das Nichts in die Nacht. Ich hör sie, ich horche… Ich warte sehnlichst auf den Morgen. ‚Ich bin da!‘ – Wo ist diese Stimme? ‚Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!‘ – Die große Stimme stummt.“

Was im Psalm als Durst beginnt, erscheint bei F. Stier als Wüste, Schweigen, Nacht, Ausgesetztsein. Er wartet auf den Morgen, aber die Stimme bleibt aus. Gerade darin wird seine Nähe zum Psalmisten spürbar: Beide suchen Gott aus der Angst heraus, dass ohne ihn alles in das Nichts kippen könnte.

16. Oktober 1973 : „Ad te de luce vigilo – zu dir erwache ich in der Früh – ich ‚sehe‘ dich, ich fühle dich, ich schaudere, du und der Tod – ich seh‘ euch zusammen! Könnte es sein, dass du mit uns das Nichts im Sinne hast?

Niemals. Wenn du ‚mein Gott‘ bist. Aber du – Gott!, du zeigst mir Dinge, die ‚mein‘ Gott nicht macht, du erschreckst mich mit Werken, die ‚mein‘ Gott nicht tut, du führst mich Wege, auf denen ich ‚meinem‘ Gott nicht begegne…“

Das ist kein Verlust des Glaubens. Es ist ein Glaube, der seiner eigenen Erschütterung nicht ausweicht. Stier hält Gott aus, wo Gott ihm fremd wird. Er spricht ihn weiter an, auch dort, wo die vertrauten Bilder zerbrechen. Gott bleibt nicht ein Gedanke, der sich bestätigt oder widerlegt. Er bleibt ein Du, dem man klagt, widerspricht, standhält.

In einem Eintrag vom 5. April 1980, Ostersamstag, ein Jahr vor seinem Tod und nach dem Unfalltod seiner Tochter, erreicht diese Bewegung eine besondere sprachliche Dichte:

„Mein Gott! DU bist du mir, DU ruf ich dich – Person zu Person Ich – DU. sprech ich zu Dir … wie ein Baruch Spinoza ein Pantheist glaube, fühle, sehe und denk ich deine Präsenz in allen Dingen aber du bist mir nichti das hen kai pan [Ein und Alles] du bist in ihnen und es ist in dir aber du bist mir größer. erhaben darüber dein Leben durchpulst das All der Dinge aber du trägst es in Händen…“

(Beibehaltung der Originalschreibweise)

Stier sucht keine religiöse Atmosphäre, keine kosmische All-Einheit, kein Aufgehen des Ich in einem umfassenden Ganzen. Er sucht den, den er ansprechen kann: Mein Gott. Du. Person zu Person.

Damit öffnet sich der innere Schlüssel des Psalms 63.

3.Elohim – Eli atta: der unermessliche Gott wird mein Du

Psalm 63 beginnt mit einer sprachlichen Verdichtung von ungeheurer Kraft:

Elohim, eli atta – Gott, mein Gott bist du.

Am Anfang steht Elohim. In dieser Gottesbenennung (grammatikalisch: Plural!) klingt die Weite, Macht und Unverfügbarkeit göttlicher Wirklichkeit an. Eine Schöpferkraft des Alls, die in allem gegenwärtig ist und sich doch jeder Vereinnahmung entzieht.

Der Psalm bleibt jedoch nicht bei dieser Ferne stehen. Unmittelbar folgt die Wendung ins Persönliche:

Eli atta – mein Gott bist du.

Die unendliche Wirklichkeit Gottes wird dadurch nicht kleiner, nicht handhabbarer, nicht psychologisch verfügbar. Aber sie wird ansprechbar. Die Größe Gottes verliert nichts, indem sie in das kleine Wort „mein“ eintritt. Dieses „mein“ ist kein besitzanzeigendes Fürwort. Es ist ein Beziehungswort. Es sagt: Du bist der, ohne den ich nicht leben kann.

So verstanden steht Fridolin Stier mitten in der Seelennot des Psalmbeters.

Wenn er schreibt: „DU bist du mir, DU ruf ich dich “, dann übersetzt er Eli atta in die Sprache eines modernen, verwundeten Menschen.

Von hier aus fällt auch ein neues Licht auf den Schrei Jesu am Kreuz. Wenn Jesus mit Psalm 22 ruft: „Eli, Eli, lama sabachthani“ – mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? –, dann ist auch dieser Schrei mehr als Verzweiflung. Er bleibt Anrede. Selbst in der Gottverlassenheit bricht die Beziehung nicht ab. Das Wort Eli steht noch im Mund des Sterbenden.

Psalm 63, Fridolin Stiers Ostersamstag und der Kreuzesschrei Jesu berühren sich in ihrem innersten Nerv: Gott wird nicht bewiesen, sondern angerufen. Dem Menschen bleibt an der äußersten Grenze dieses eine Wort: Du.

4. Martin Buber: das Wagnis der Beziehung

An dieser Stelle ist Martin Buber keine zusätzliche gedankliche Station, sondern die philosophische Klärung dessen, was in Psalm, Stier und Kreuzesschrei bereits geschieht. Wer so ruft, spricht nicht über Gott. Er tritt in Beziehung. Er macht Gott nicht zum religiösen Objekt, nicht zu einem Begriff, den man ordnen, verteidigen oder verwerfen könnte.

Buber hat diese Unterscheidung mit der Spannung von Ich-Es und Ich-Du beschrieben. Im Ich-Es wird die Welt verfügbar. Man kann untersuchen, erklären, gebrauchen, einordnen. Gott aber entzieht sich dieser Weise des Zugriffs. Wo Gott wirklich gemeint ist, geschieht Anrede.

Darum konnte Buber sagen:

„Wer das Wort Gott spricht und wirklich Du im Sinn hat, spricht […] das wahre Du seines Lebens an.“

Dieser Satz führt zurück zum Anfang. Die Sehnsucht in der Frühe, der Durst des Psalms, Stiers verletztes Rufen, Jesu Schrei am Kreuz – sie alle kreisen um dieses wahre Du. Der Mensch sucht nicht nur Trost, Sinn, Erklärung oder Halt. Er sucht den, dem er sich anvertrauen kann, ohne ihn zu besitzen.

Buber geht noch einen Schritt weiter:

„Du brauchst Gott, um zu sein, und Gott braucht dich – zu eben dem, was der Sinn deines Lebens ist.“

Das ist ein kühner Satz. Er meint nicht, Gott sei bedürftig wie ein Mensch. Er meint: Der Sinn unseres Lebens entsteht dort, wo wir uns von Gott in Anspruch nehmen lassen. Das Du Gottes ruft uns tiefer in die Welt hinein. Wer aus einer solchen Begegnung kommt, besitzt keine Lösung für alle Rätsel, aber er trägt eine Gegenwart in sich, die ihn anders leben lässt.

5. Johannes 17: das gesuchte Du wohnt ein

Das Johannesevangelium führt diese Bewegung an ihre tiefste Stelle. Im Abschiedsgebet Jesu wird das ewige Leben nicht als endlose Dauer beschrieben, sondern als Beziehung:

„Das aber ist das ewige Leben: dass sie dich, den einzigen wahren Gott, erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus.“(Johannes 17,3)

Dieses Erkennen ist mehr als Verstehen. Es ist Vertrautwerden, Hineingenommenwerden, Leben aus Nähe. Was im Psalm als Durst beginnt, was bei Stier durch Nacht und Ostersamstag hindurchgeht, was Buber als Ich-Du-Geschehen beschreibt, wird bei Johannes zur Einwohnung:

„Damit sie eins sind, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir.“

Hier kehrt sich die Bewegung um. Am Anfang sucht der Mensch Gott in der Frühe, dürstend. Am Ende zeigt sich: Dieses Du war nicht nur Ziel der Suche. Es war schon die verborgene Tiefe, aus der die Suche kam.

Das wahre Du meines Lebens steht mir nicht nur gegenüber. Es kommt mir entgegen. Es wohnt tiefer in mir, als ich selbst zu reichen vermag, und bleibt doch größer als alles, was ich innerlich erfahren kann.

Darin liegt das christliche Geheimnis: Nähe ohne Vereinnahmung, Einwohnung ohne Auflösung, Einssein ohne Verschmelzung.

Aus der Nacht in das Licht

So führt die Spur von Psalm 63 über Fridolins Stiers verletze Anrede und Bubers Denken des Ich-Du bis in das Gebet Jesu.

Die Sehnsucht, die uns in manchen Lebensphasen .- manchmal auch ganz unerwartet in der ‚Herrgottsfrüh‘- ergreift, ist darum mehr als religiöse Stimmung. Es ist eine Gottessehnsucht, die das Echo eines Beziehungsgeschehens ist, das uns vorausliegt erwachen, ist darum mehr als eine religiöse Stimmung. Sie ist das Echo eines Beziehungsgeschehens, das uns vorausliegt. Wir dürsten nach Gott, weil sein Leben uns schon berührt hat. Wir suchen ihn, weil er uns längst gesucht hat.

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