Pater Pio, eine Ärztin und die Grenze unseres Wissens
Zum Gedenktag am 23.September
Wer durch Italien reist, begegnet Pater Pio fast überall. Sein Gesicht hängt in Bars, Werkstätten und kleinen Geschäften, in Kirchen ohnehin. Für die einen ist er einer der großen Heiligen des 20. Jahrhunderts. Andere reagieren auf die Erzählungen von Stigmata, Bilokation und außergewöhnlichen Heilungen mit Skepsis.
Auch ich habe an seiner letzten Ruhestätte in San Giovanni Rotondo gestanden. Man spürt dort die Wucht dieser Verehrung. Man kann sich ihr überlassen. Man kann Abstand halten.
Aber dann gibt es diese eine Geschichte. Und sie lässt sich nicht so leicht einordnen.
Im November 1962 befindet sich Karol Wojtyła, damals Bischof in Krakau, beim Zweiten Vatikanischen Konzil in Rom. Aus Polen erreicht ihn die Nachricht, dass seine enge Freundin Wanda Półtawska schwer erkrankt ist.
Półtawska ist Ärztin und Psychiaterin, Mutter von vier Töchtern und Überlebende des Konzentrationslagers Ravensbrück. Bei ihr ist ein fortgeschrittener Tumor festgestellt worden; eine Operation steht unmittelbar bevor.
Am 17. November schreibt Wojtyła einen kurzen Brief an Pater Pio und bittet ihn um das Gebet für eine Mutter von vier Kindern, deren Leben bedroht sei.
Wenige Tage später, direkt vor dem geplanten Eingriff, verändert sich die Situation: Die Beschwerden sind verschwunden. Die Untersuchungen werden wiederholt, die Operation wird abgesagt. Wanda Półtawska geht nach Hause.
Am 28. November schreibt Wojtyła erneut an Pater Pio – diesmal, um zu danken.
Man kann diese Geschichte schnell zu den Akten legen. Man kann von einer Fehldiagnose sprechen, von einer spontanen Rückbildung, von entzündlichen Prozessen oder medizinischer Unsicherheit. All das gehört zu den denkbaren Erklärungen. Man kann ebenso schnell von einem Wunder sprechen.
Beide Antworten haben etwas Verführerisches: Sie schließen den Vorgang ab.
Mich interessiert etwas anderes. Was geschieht mit uns, wenn eine Wirklichkeit sich unserer Erklärung entzieht?
Gerade in der Medizin lernen wir, nach Ursachen zu suchen. Symptome haben Gründe, Krankheiten haben Verläufe, Heilungen haben Mechanismen. Wo wir sie noch nicht kennen, suchen wir weiter. Genau darin liegt die Stärke der Naturwissenschaft.
Doch medizinische und intellektuelle Redlichkeit bedeutet ebenso, die Grenze des eigenen Wissens anzuerkennen. Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen zwei Haltungen: „Ich kann es nicht erklären“ und „Es kann nichts geben, was ich nicht erklären kann.“
Zwischen beiden Sätzen liegt ein weiter Raum.
Wanda Półtawska selbst reagierte auf ihre Genesung keineswegs mit naiver Gewissheit. Als Ärztin stand sie vor einem Geschehen, das sich ihrem eigenen kognitiven Raster entzog. Genau das macht ihren Fall so bemerkenswert: Hier stehen sich nicht blind Glaube und Wissenschaft gegenüber. Die Spannung verläuft mitten durch einen Menschen, der wissenschaftlich denkt und zugleich mit einer Erfahrung konfrontiert ist, die sich nicht ohne Rest in dieses Denken fügen lässt.
Gott sollte dabei nicht zum Lückenbüßer werden – eingesetzt dort, wo die Forschung noch keine Antwort gefunden hat. Denn jede neue Erkenntnis würde einen solchen Gott weiter zurückdrängen.
Der Glaube spricht von etwas anderem. Er hält daran fest, dass Wirklichkeit größer ist als das, was wir messen, berechnen und reproduzieren können. Ein Mensch kann in einem Ereignis tiefen Sinn erkennen, ohne dessen naturwissenschaftlichen Mechanismus auflösen zu müssen.
Ob die Heilung Wanda Półtawskas ein Wunder war, lässt sich nicht beweisen. Aber dass sie keines war, ebenso wenig.
Es reicht, stehen zu bleiben: Es gibt Ereignisse, vor denen eine redliche Haltung weder vorschnell glauben noch vorschnell weg-erklären muss. Staunen ist keine Kapitulation des Verstandes. Es ist die Einsicht, dass der Verstand nicht das Maß der gesamten Wirklichkeit ist.
Religion und Psychotherapie begegnen sich genau an diesem Punkt: wo der Mensch lernen muss, Wirklichkeit auszuhalten, ohne sie vorschnell zu schließen.
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Pater Pio

Bürgerlicher Name: Francesco Forgione
* 25. Mai 1887 in Pietrelcina (Süditalien)
+ 23. September 1968 in San Giovanni Rotondo (Apulien)
Orden: Kapuziner (O.F.M. Cap.)
Heiligsprechung: 16. Juni 2002 durch Papst Johannes Paul II.
1918: Auftreten der Stigmata (Wundmale Christi an Händen, Füßen und Brust). Er trug diese blutenden Wunden exakt 50 Jahre lang bis kurz vor seinem Tod.
Der Beichtvater: Verbrachte oft bis zu 15–19 Stunden täglich im Beichtstuhl. Ihm wurde die Gabe der „Herzensschau“ nachgesagt (das Lesen in den Seelen der Beichtenden).
Er pflegte zu sagen: »In den Büchern suchen wir Gott, im Gebet finden wir ihn. Das Gebet ist der Schlüssel zum Herzen Gottes.«

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